Goldene Honigtöpfe

Normalerweise hätte zu diesem Artikel die Abbildung eines wohlgenährten gelben dicken Bären mit einem überquellenden Honigtopf gepasst. Aber wir wissen ja alle, welch riesigen kommerziellen Schaden ein Animationsstudio mit solcherlei Bildverletzungen nehmen würde (übrigens gefällt mir der sowjetische Winni Puch sowieso besser).

Auf jeden Fall fühle ich mich auch wie ein glücklicher Bär, der über eine riesige Kammer prall gefüllter Honigtöpfe stößt, wenn ich an die zahlreichen Möglichkeiten denke, vollständig kostenfrei an gute christliche Lehre zu stoßen.

(Eine wirklich kleine Kostprobe):

Monergism

Man muss dem Monergismus als theologisches Konzept nicht recht geben (was ich tue), um begeistert von dieser Webseite zu sein:

Ich meine, ist das nicht der Wahnsinn??? jeder kann für genau Null Euro und Null Cent über eine Bibliothek verfügen, über die uns noch vor 50 Jahren ein jeder beneidet hätte.  (Wer noch mehr Bücher sucht, schaue auf CCEL) Wer sich da keinen e-Reader besorgt und anfängt zu lesen hat die Kontrolle über sein Leben verloren (frei nach K. Lagerfeld).

Monergism bietet Material an, das kaum zu überschauen ist, entsprechend gibt es im Grunde genommen sowas wie eine Anleitung, die wirklich hilfreich ist (Wie selten gibt es solche). Zudem greife ich gerne auf die Suchfunktion zurück: Das Stichwort „Calvin“ z.B. liefert 392 Ergebnisse. Die vollständige Übersicht über Autoren, von denen sich Material finden lässt gibt es hier.

Wem das freie Literaturmaterial zu alt ist, darf dennoch vor allem vom Audio-Material begeistert sein. Die Liste der 75 besten Predigten ist ein Super Startpunkt(unbedingt Tim Keller, John Piper und Don Carson anhören). Natürlich darf sermon-audio als eine riesige Predigt-Datenbank nicht vergessen werden.

Material amerikanischer Hochschulen.

Eine Sache ist wirklich zu bewundern. Ein Studium in Amerika kostet so viel Geld, dennoch bieten viele theologischen Seminare eine Unmenge an Material an. Monergism hat die Besten gesammelt. Ich könnte mich wirklich selbst in den Hintern beißen, dass ich so spät auf die Idee gekommen bin, nach freien Inhalten von Seminaren zu suchen. Ich ärgere mich ungemein, dass ich auf diese Idee nicht einige Jahre früher gekommen bin. Weiterlesen „Goldene Honigtöpfe“

Christus im AT (1): Vorüberlegungen

Psalm 247–8 [widescreen]In der nächsten Zeit möchte ich vermehrt über die Christologie des Alten Testaments (AT) nachdenken. Persönlich halte ich es für ein sehr fruchtbares Thema, denn die beiden Evangelien entwickeln eine Kontinuität aus „Verheißung“ und „Erfüllung. Dadurch wird das AT lebendig: es bleibt nicht mehr vor allem die Beschreibung seltsamer Praktiken (Verwirrende Opfer, grausame Kriege, Vielweiberei um ein paar Dinge zu nennen) eines altertümlichen Nomadenstammes, sondern die Beschreibung der Vorfahren der Christenheit, die den selben Glauben und die selben Verheißungen teilen (Vgl. Röm 11,17-24.).

Als ich mich vor einigen Wochen an das Thema begab, viel mir die kaum überschaubare Breite des Themas aus, deswegen zunächst einige Vorüberlegungen:

Das AT war die Bibel der Urgemeinde

Es vergingen einige Jahrzehnte nach der Auferstehung Christi, bis die ersten Beschreibungen seines Erdenlebens schriftlich festgehalten wurden. Zu dieser Zeit war auch das briefliche Material alles andere als vollständig. Wie wurde dann aber gepredigt? Was war die Bibel der ersten Christen? Natürlich das AT. Doch das machte man auch in den Synagogen. Überraschend war ein völlig neues Verständnis des AT. Immer wieder berichtet uns das NT von diesem „Auftun der Ohren“: „Da öffnete er Ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden (Luk 24,45)“oder noch deutlicher in Joh.12,16: Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.  Diese Erfahrungen wurden im Leben der Jünger intensiver und führten zu Bekenntnissen!

Matthew 1616 [widescreen]

Beide Verse sprechen davon, dass die Auferstehung Christi die Perspektive der Jünger auf das AT fundamental verändert hatte.

Sehnsucht nach einem Superhelden?

Doch was war der Keren dieser veränderten Haltung? Denn das Judentum erwartete ja nichts sehnsüchtiger als einen Messias. Alle glaubten und anerkannten die Verheißungen eines Erlösers, eines Königs aus dem Stamm Juda, eines Heilands und eines Mittlers aus den entsprechenden Texten des AT.  Der Moderne Mensch neigt eher dazu jegliche seriöse Verheißung im AT zu bestreiten, und maximal die Sehnsucht nach einem „Superhelden“ als eine Ursehnsucht der Menschheit anzuerkennen. War das auch der Antrieb der Gemeinde? Vielleicht ein Beispiel zur Illustration: Weiterlesen „Christus im AT (1): Vorüberlegungen“

Wo ist Gott?

„Doch auch dieses Beispiel behandelst du nicht recht und verdammst es als unnütz, darüber öffentlich zu disputieren – ob Gott in einer Höhle oder in einer Kloake sei; denn du denkst zu menschlich von Gott. (…)

Müssen wir nicht alle lehren, dass der Sohn Gottes im Schoss der Jungfrau gewesen ist und aus ihrem Unterleib geboren wurde? Inwieweit aber unterscheidet sich der menschliche Unterleib von irgendeinem anderen unreinen Ort? Und wer könnte nicht schändlich oder schmutzig davon reden? Solche Leute aber verdammen wir mit Recht, denn es gibt mehr als genug reine Worte, um von diesem notwendigen Vorgang auch mit Würde und Anstand zu reden. Auch Christi Leib war ein menschlicher Leib wie der unsrige; was aber ist unreiner als dieser? Sollten wir deshalb etwa leugnen, dass Gott leibhaftig in ihm gewohnt habe, was Paulus doch sagt (Kol. 2,9)? Was ist unreiner als der Tod? Was schrecklicher als die Hölle? Aber der Prophet rühmt sich, dass Gott sogar im Tod bei ihm sei und ihm in der Hölle beistehe (Ps. 139,8).

Darum scheut sich ein frommes Herz nicht zu hören, dass Gott im Tode oder in der Hölle sei, was beides schrecklicher und unreiner ist als eine Höhle oder eine Kloake. Vielmehr: Wenn die Heilige Schrift bezeugt, dass Gott überall ist und alles erfüllt (Jer. 23,24; Eph.1,23), dann sie sagt nicht nur, dass er an jenen Orten sei;“ (Martin Luther, Vom unfreien Willen, Betanien Verlag).

Ist Gott nirgendwo?

Wenn dem Bösen alles gelingt aber selbst ein kleines Stück Gutes unendlich viel Mühe erfordert, dann frage ich mich oft, wo Gott eigentlich hin ist. Erwischt mich diese Melancholie, vermag man sich an nichts unter der Sonne zu freuen. Denn selbst das größte Glück ist schließlich eitel. Als der Prediger diese Sicht einnahm, konnte er Gott unter der Sonne nirgendwo finden. Weder in berauschenden Festen, in goldenen Palästen, in intensiver Forschung nach Weisheit. Wohl möglich, dass Gott irgendwo sei, aber entfernt, weit weg von seiner Schöpfung, ohne jeden Berührungspunkt. Alles ist bestimmt von einem schrecklichen, hohlen Determinismus. Es gibt nichts neues unter der Sonne. Weder ermöglichen Fähigkeiten ein glückliches Leben, noch muss ein Wohltäter Dank erwarten. Die besten Schätze rosten, und alles ist wie mit einem trüben Schimmel bedeckt, der alles bis zum Himmel stinken lässt.

Das Leben gleitet in fest bestimmten Bahnen dahin. Es gibt kaum Möglichkeiten diese zu durchbrechen. Arbeit, Familie, Schlaf, Arbeit, Familie, Schlaf, Urlaub und wieder Jump Start. Der erste Eindruck zählt ja bei den Mitmenschen, aber versucht mal, diesen zu überwinden. Menschen die dich ablehnen wollen, finden immer einen Grund dafür, Menschen die dich annehmen wollen, ebenso. Nur ist die zweite Gruppe viel kleiner. Für das Amt der Bürokratie bist du nur eine Nummer: Sozialversicherungsnummer, Rentennummer, Steuernummer. Sollte eine Nummer nach Gott fragen? So eilt das Leben, von einer Eitelkeit zur anderen hin. Ein endloser Strom, der wohl immer breiter wird, um irgendwann endgültig im Nirvana zu versickern.

So schreie ich in meinem Kummer: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  Warum bin ich wie ein törichter Kämpfer, in einem elendigen Tal Magogs. Wo ist Gott? Und hier erkenne ich den Kern meiner Torheit. Denn, wenn Gott mich verließe, so hätte er jedes Recht dafür. Ich habe keinen Anspruch vorzubringen, dass Gott sich auf meine Seite stellt. Eigentlich hatte diesen Anspruch nur Einer, ein Mann am Kreuz, und gerade dieser war es, der mit voller Berechtigung rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“

Kann es vielleicht sein, dass Christus deswegen verlassen wurde, damit ich nicht verlassen werde? Und: Wann hat Christus Gott nicht gesehen?

Gott ist überall!

Wenn man sich durchdringt, die Perspektive zu verlassen, die der Prediger/Kohelet so intensiv schildert, dass man das Kribbeln am Rücken spürt, dass man geradezu depressiv werden möchte, vor Eitelkeit, und nur wenige Seiten zurückblättert, landet man bei Hiob. Das war doch sicher einer, der Gott nicht mehr sehen konnte. Doch was stellt man fest? Wohl klagt Hiob, wohl erhebt er sogar Anklagen, und findet keinen Grund für sein Leid. ABER: Auf die Idee zu kommen, Gott wäre gar nicht da, darauf kommt er nicht. Er ruft aus: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat auch wieder genommen“ Für Hiob war Gott überall. Selbst als seine Kinder starben, als der Reichtum genommen wurde, als Krankheit ihn befiel. Als selbst seine Frau nicht mehr Gott erkennen konnte, und keiner seiner Freunde hier noch Gott am Werk sahen, rief Hiob aus: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Offensichtlich hat Hiob schon ein deutliches Vorausahnen dessen, was einst am Kreuz geschehen soll. Schließlich, wird er sich ja auch aus dem Staub erhöhen.

Oft springt mein Leben zwischen Prediger und Hiob hin und her. In der eitelkeit einer gesättigten westlichen Welt will man gerne ausrufen: Wo bist du Gott! Ich sehe dich nicht! Wohl sagt man das, und meint, dass man Anspruch hat, solche Anklagen zu erheben! Zum Glück führt Christus uns an sein Kreuz und macht uns deutlich, dass solches Fragen töricht ist. Von unseren äußeren Umständen (tiefes Leid oder eitles Glück) können wir nicht auf den Charakter Gottes schließen, wohl aber von seiner Gnadentat am Kreuz.

 

 

Die langen Beine der Lüge

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(c) Faithlife Logos

Eine der erfolgreichsten Falschaussagen unserer Zeit scheint das Sprichwort zu sein: „Lügen haben kurze Beine“. Damit möchte man ausdrücken, dass ein Lügner mit seinen Tricks nicht weit kommt. Je nachdem, was man mit weit meint, möchte ich dieses Sprichwort bezweifeln. Ich fürchte, dass wir hier ein allzu einfaches Verständnis von Sünde und Strafe haben.

Beobachtung:

  • Zur Zeit Jesu, waren die erfolgreichsten Bürger des Landes alles ausgemachte Heuchler. Betete man viel, machte man es öffentlich, um Anerkennung zu schöpfen. Eigene Sünden, vor allem im sexuellen Bereich wurden radikal vertuscht, während man sich gleichzeitig köstlich an den Sünden anderer weidete. Ämtermissbrauch, Vetternwirtschaft und die Beraubung der kirchlichen Kassen waren (Woher sonst der Reichtum von Kaiphas und Hannas?) an der Tagesordnung. Und es gelang Ihnen alles! Sogar einen unliebsamen Propheten aus Nazareth, der Sünden aufdeckte (er wollte diese nämlich verbinden), schaffte man zügig aus dem Weg.
  • Was vor 2000 Jahren in Palästina funktioniert, funktioniert natürlich auch heute nicht weniger gut: Immer wieder läuft man Menschen über den Weg, bei denen die Lüge zu einem leitenden Lebensprinzip wurde. Eigentlich weiß man bei keinem Satz, woran man gerade ist. Immer gibt es die eine (andere) Variante, die weitergegeben wird. Schuld ist selbstverständlich immer der Andere, für eigene Schwächen hat man ausführliche Aufsätze an Begründungen usw. Und das interessante: Diese Menschen werden prinzipiell bestätigt. Ihre Strategie geht zumeist auf. Weit davon entfernt, für „Lügen bestraft zu werden“, erweist sich Heuchelei/Lüge als DER Weg zum Erfolg, als eine geeignete Abkürzung zum Glück.

Anwendung:

Aus dieser Beobachtung ergeben sich für mich diese Überlegungen:

  • Für Gottes Gebote gibt es keine pragmatischen Begründungen. Die Gebote Gottes gelten, weil sie Gebote Gottes sind. Was ist mein/dein Antrieb?
  • Unabhängig von obiger Beobachtung, folgt manche Strafe promt. Man denke an Hananias und Saphira (Apg. 9, Vgl. auch Ps.32,10)
  • Ein Leben in Intrigen hat seinen Preis: Von Menschenfurcht getrieben, im Bangen um einen möglichen Ehrverlust, bleibt wenig Raum für Ruhe, Gelassenheit, Entspannung und Frieden
  • Ein erfolgreiches sündiges Leben ist die erste Episode eines erbarmungslosen Gerichtes Gottes. Was kann es schlimmeres geben, als dahin gegeben zu sein (Vgl. Röm 1,24. 26; 2. Chron. 25,20)

Ein Held unserer Zeit!

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(c) Faithlife Logos

Viele Pastoren sind Helden! Gestern durfte ich eine kleine Gemeinde in Böblingen (Kopernikusstraße 10) besuchen und ich durfte einem solchen Helden bei seinem Kampf zu schauen. Die Gemeinde ist eher klein, aber umso bunter. Viele unterschiedliche Verständnisse treffen aufeinander, manche durchaus auch problematisch Doch der Pastor hält die Gemeinde zusammen. Ein sowjetisches Mechatronik-Studium wurde natürlich nicht anerkannt, so arbeitet er als „ungelernter“ Arbeiter in einer Fabrik um sein täglich Brot zu verdienen. Hinzu kommt ein immer noch vorhandener „Akzent“. So lernt man schnell den Preis der Demut und die Lieder tief unten in diesem Tale.

Neben einer großen Familie schafft er es, sich um Jung und Alt zu kümmern. Um Menschen, die den Anschluss verloren haben, als sie nach Deutschland kamen. Um Menschen, die als Hiesige auch den Anschluss verloren haben, oder sich im Glaubensleben verirrt haben. Seine Frau unterstützt die vielen Mütter in der Gemeinde. Selbst an einem runden Geburtstag, als das Haus voll war mit Gästen, stieg er in sein Auto und fuhr mehrere Kilometer zu einer jungen Schwester der Gemeinde um diese und ihr Kind zum Kinderarzt zu bringen. Auf die Frage: „Na alles klar“, ruft er seinen Kollegen zu: „Mit Christus ist alles klar, aber ohne Ihn ist alles trüb“. Einmal war ich mit dieser Gemeinde einige Tage auf einer Freizeit dabei. Niemand war mehr und länger in der Küche und am Aufräumen beteiligt, als er. Fußwaschdienst vom allerfeinsten. Man gewöhnt sich allzu schnell daran und vergisst die Dankbarkeit. Immer ist die Gefahr dabei ausgebeutet und ausgenutzt zu werden. Als ich diesen Sonntag ins Gemeindehaus laufe, ist der erste den ich treffe ein Slowake, der sehr gebrechlich etwas davon murmelt, dass er nach Hause will, dass er krank sei, dass er auch Christ ist, dass er kein Geld hat. Später erfahre ich vom Pastor, dass man ihn nicht zum ersten Mal im Versammlungsraum hat. Mitleid und Weisheit kämpfen im Herzen. Viele Geschwister sind schon älter, so werden für alle Liederbücher in Großschrift besorgt. Ich kenne so viele Gemeinden, die überaltet sind, aber diese Rücksicht auf Ältere habe ich noch nie getroffen! Das hat mich bewegt.

Kurz bevor der Gottesdienst beginnt, und er eigentlich zum Gebet aufrufen möchte, sieht er hinten, dass ein Rollstuhlfahrer ankommt. Wer hilft ihm vom Treppenlift in den Stuhl? Natürlich er. Nach dem Gottesdienst wird keiner übergangen, stets bestrebt, jeden wenigstens zu grüßen. Und auch den Kindern wird ein ungewohnt hoher Respekt entgegengebracht. Nur gute Werke, aber keine Schriftkenntnis? Weit gefehlt, der Bruder lebt im Wort Gottes und hat immer einen wichtigen Hinweis aus der Schrift auf den Lippen.

Die Gemeinde ist im Verband klein und kaum beachtet, so wird vielleicht echte Anerkennung für immer ausbleiben. Wirklich für immer? Spätestens im Neuen Jerusalem wird es heißen: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! (Matth. 25,23)

Macht euch selbst ein Bild: Gottesdienst ist um 10.00 und um 17.00 Uhr jeden Sonntag. Bibelstunde  jeden Mittwoch um 19.00 Uhr.

 

 

Der alternative breite Weg

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Es wird gerne davon geredet, dass manche den schmalen Weg unzulässig breit machen. Es fallen dann Stichworte wie: „Das Evangelium verwässern“ oder „liberale/ verweltlichte Gemeinde“. Auf der anderen Seite vom wahren Weg gebe es dann wiederum jene, die den schmalen Weg unnötigerweise zu schmal machen. Hier lauten die Stichworte: „gesetzlich“, „die halten sich für die einzig wahren“ etc…

Nun, die Bibel spricht durchaus von der Mäßigkeit (z.B. 2. Pet. 1,5), und wohl auch in der Möglichkeit zur linken und zur rechten Seite vom Pferd zu fallen (z.B. 2. Kor. 6,7), dennoch denke ich, dass es eine zu sanfte, ja zu verständnisvolle Beurteilung der Gesetzlichkeit. Das Gegenargument darauf, man wäre unnötig streng liegt doch auf der Hand: Lieber übertreibe ich ein bisschen, um doch sicher zum Ziel zu führen.

Paulus, in seiner Ansprache an die Galater kennt da wenig Verständnis. Ja er warnt sie davor, ein „falsches Evangelium“ anzunehmen (Gal. 1,6-7). Das ist doch mal ein hartes Urteil! Doch viel mehr, er sagt sogar, dass die Legalisten nur Angst haben auf den Schmalen Weg zu treten. Zu vielem wären sie bereit, nur um nicht um des Kreuzes Willen verfolgt zu werden.

Gesetzlichkeit hat also wenig mit dem schmalen Weg zu tun, und ist auch der breite Weg, nur in anderer Verkleidung!  Nebenbei gemerkt ist es auch viel zu kurzsichtig gedacht, dass Gesetzlichkeit nur das „konservative“ Lager treffe, vergleich hierzu auch den Vergleich zwischen dem Phari- und dem YOLO-Typ auf hanniel.ch. Ich habe lange um eine geeignete Darstellung des Problems gekämpft und komme auf eine Erzählung! Ich habe versucht, einen möglichst fiktiven Fall zu erfinden, den Verzicht auf Schuhe, doch auch das gab es bereits in der Kirchengeschichte. Doch wenigstens können wir uns dann auf die Seele streicheln, dass wir doch nicht so extrem sind. Ich habe die Geschichte durchaus überzeichnet, doch fürchte ich, dass wir die Lektionen nicht so erkennen, die ich gezielt gekennzeichnet habe:

„Es war einmal vor gar nicht so langer Zeit, in einer Freikirche, die das Evangelium kannte und mutig verkündigte. Doch von Jahr zu Jahr wurde man immer stolzer darauf, dass man besonders „bibeltreu“ sei. Man war froh, viele historische Fehler der Kirchengeschichte, wie die Kindertaufe oder die Irrungen der Reformation überwunden zu haben. Entsprechend hielt man auch wenig von Bekenntnissen, denn man glaubte an die Schrift allein. Eines Tages, als der Eifer für die Sache des Herrn immer mehr nachließ, entdeckte einer der Diakone der Gemeinde beim Bibellesen den regelmäßigen Aufruf zum Verzicht auf Schuhe.Natürlich, Mose musste die Schuhe ausziehen, als er heiliges Land betrat (2. Mo. 3,5). Ein Gebot, dass bei Josua wiederholt wurde (Jos. 5,15), als er dem Fürsten über das Heer Israels, einer Christologie im AT, entgegentrat. Kein Wunder rief auch Christus seine Jünger auf, im Dienst auf Schuhe zu verzichten (Luk. 10,14 Anmerkung: Der Diakon kam ganz schön ins Schwitzen, als er die Parallelstelle in Mk. 6,9 zum Vergleich heranzog, doch sein Urteil war bereits gefällt). Das die Gemeinde ein heiliger Ort ist (vielmehr natürlich im neuen Bund), daran kann gar kein Zweifel sein, dass Schuhe etwas profanes sind, ebenso: Man läuft auf dem schlimmsten Dreck und bringt in dann in das Haus Gottes!

Der Diakon war bekehrt, und bei der nächsten Brüderversammlung setzte er sich vehement darauf ein, dem Worte Gottes gehorsam zu sein. Es gab durchaus einigen Widerstand im Gemeinderat, doch wollte der Pastor, als Schwager des Diakons nicht unnötig Frieden in der Gemeinde haben und man einigte sich relativ zügig auf eine Kompromisslösung: Schuhlosigkeit für alle mit Verantwortung in der Gemeinde. (LEKTION 1: Gesetzlichkeit findet einen guten Nährboden in Vetternwirtschaft und Ansehen der Person)

Nun, zunächst gab es durchaus etwas Irritation, einige riefen etwas von: „Das galt nur im AT“, doch die Verweise auf die Reden Jesu waren schließlich überzeugend. So erkannte nun jeder an, dass eine gewisse Geistlichkeit auch eine Verantwortung gegenüber den Geschwistern bringt, denn die Brüder „werden sich dabei ja etwas gedacht haben“, und man „könne nicht unnötig streng werden, selbst wenn man nicht hunderprozentig wisse, ob es wirklich ein Gebot Christi sei, wolle man seine Ehrfurcht vor Gott ausdrücken“ (Lektion 2: Gesetzlichkeit führt geradezu automatisch zu einer Unterteilung in „Geistlichen Adel“ und „Geistlichen Pöbel“, oder modern: in „geistlich“ und „fleischlich“, in „Diener“ und „Normale, doch was sagte Petrus in 1. Pet. 2.9? die Kirchengeschichte lässt grüßen!)

Nun so ging es eigentlich geradezu unverändert weiter, nach einiger Zeit (es ging schneller als man dachte), gewöhnten sich eigentlich alle daran, auch die weniger regelmäßigen Besucher. Doch der Sauerteig wächst unsichtbar und doch schleichend.

Man muss dazu wissen, in dieser Gemeinde gab es relativ viele aktive Geschwister (Laienpredigt, Hauskreis, Kinderarbeit, Musikarbeit), und schon bald erkannte der Diakon, dass er seine drei Söhne irgendwie auch zum Dienst motivieren sollte. Doch diese gingen in geradezu kindlicher Unschuld immer noch in Schuhen in die Kirche. Dabei wurde aktuell ein neuer Musikleiter gesucht, eine perfekte Aufgabe für seinen Sohn. Wie konnte er das aber der Gemeinde deutlich machen, dass hier geistliche Gaben vergammelten? Nun, er war ja nicht von schlechten Eltern und hatte schnell eine Lösung: Er überzeugte seinen Sohn auch zu einem Barfüsser-Gottesdienstbesuch. Viele waren beeindruckt: So jung, und schon so eifrig! Mehrfach wurde er in der Predigt als Beispiel für Bibeltreu erwähnt.Und so wurde er, ehe man sich versehen konnte, zu einem würdigen Nachfolger in der Musikarbeit. Sein Beispiel reizte viele zur Nachfolge, und in wenigen Jahren war der Gottesdienstbesuch mit Schuhen geradezu profan. (Lektion 3: Gesetzlichkeit ist heuchlerisch)

Die Gemeinde erkannte in dem neu erwachten Eifer der Jugendlichen eine Erweckung. War es nicht das, wofür man schon seit Jahren gebetet hatte? Und so war man sehr stolz auf sich, ja im Vergleich zu den anderen über 50 Gemeinden im Gemeindeverband war man dem Wort Gottes gehorsam. Und hier blubberte der Sauerteig schon ordentlich vor sich hin: Drei Mal im Jahr gab es nämlich Verbandskonferenzen. Mehrere Tausend Christen kamen hier zusammen, zu Lobpreis und Gebet. Nun, unsere Mustergemeinde ging natürlich auch auf diese Veranstaltung ohne Schuhe hin. Zunächst belächelt, gab es aber schließlich einen Konzil, und obwohl ziemlich genau die Hälfte der 50 zusammengekommen Pastoren dieses Verhalten durchschaute und ablehnte, wollte man doch einen friedlichen Kompromiss finden und einigte sich schließlich auf vollständigen Schuhverzicht auf allen gemeinschaftlichen Konferenzen. Siehe da, bei der ersten, dieser geweihten Konferenzen verzeichnete man auch zwei Bekehrungen mehr als sonst, und sah dies als ein klares Zeichen dafür, dass Gott hinter diesen Maßnahmen steht (Lektion 4: Gesetzlichkeit wird blind für das Evangelium)

Doch natürlich blieb es auch nicht dabei stehen: Denn einige Gemeinden des Verbandes wollten das wohl für eine Konferenz vertragen, aber als Sitte anerkennen, fiel das doch zu schwer. Nun, was unternahm unsere liebe Kirchengemeinde? Man stellte fest, dass die Sache doch ernster war, als man dachte, ging es doch schließlich darum, dem Worte Gottes treu zu bleiben. Also nahm man diese Regel schriftlich in die Gemeinderichtlinien auf. Ja, es wurde gar eine Handreichung (der Diakon durfte kräftig mitwirken, übrigens war er nun auch Präsident der Diakonie des Gemeindeverbandes, was er als klaren Segen Gottes verbuchte) verfasst, die diese Sitte erläuterte. Zunächst wurde, wieder war es unser Diakon, der immer mehr als eifriger Prediger auffiel, ein Themen-gottesdienst gehalten, der die Barfüßigkeit zum Thema hatte: Zunächst wurde die Heiligkeit des Hauses Gottes in den schönsten Farben gezeichnet, dann die Profanität der Schuhe dargestellt und mit völliger Überzeugungskraft unsere Verantwortung, würdig vor den Herrn zu treten, geschildert. Schließlich aber auch die raue Zeit des Abfalls geschildert, in der so viele, die sich Christen nennen, nicht bereit sind diese klare Lehre der Schrift anzuerkennen. Nun, es war ja auch die letzte Zeit! Die Gemeinde war geradezu euphorisch! So wurde immer weniger das Evangelium gepredigt, und immer mehr, dieser Punkt, diese Sitte, dieses Gesetz von allen Seiten beleuchtet, man war froh, vielen anderen Christen überlegen zu sein. (Lektion 5: Gesetzlichkeit macht stolz, separatistisch und unzufrieden) Wie diese Entwicklung endete, muss nicht lange erläutert werden: Der Verband zerfiel in zwei Teile, unsere Gemeinde blieb im „bibeltreuen“ Teil. Doch wir verweilen bei unseren Treuen Schäffchen:

Bekanntlich geht der Krug solange zum Brunnen bis er bricht. Und so nahm diese Entwicklung ein ganz schmähliches Ende. Man muss wissen, dass natürlich Ananias und Saphira, aber auch der reiche Jüngling und der reiche Kornbauer aktive Mitglieder dieser Gemeinde waren. Eines Tages geschah es auch, dass der Reiche Mann und Lazarus sich hierhin zum Gottesdienst verirrten. Der reiche Mann gewann schnell die Herzen der Gemeinde. Ihm fiel es mit seinen wohlbehüteten Schuhen leicht, nach intensiver Pediküre und Balsamierung auf den kalten Fließen des Gemeindehauses zu wandeln.  Zweifel an seinem Glauben wurden durch eine großzügige Spende für ein geplantes Fußwaschbecken im Foyer schnell beseitigt. Doch was sollte Lazarus tun? Seine ganzen Füße waren voll von Wunden. Mit mehreren Lappen waren diese nur notdürftig umwickelt. Mit diesen war das Gehen gerade noch möglich, doch ohne Lappen, geradezu unmöglich. Auch wollte er seine Wunden nicht unnötigerweise, auch aus Scham entblößen. Doch sollte man darauf Rücksicht nehmen? War das nur nicht eine alte Ausrede, und zeugte sein ganzer Zustand nicht schon glasklar von einer geistlichen Oberflächlichkeit. Man wollte es partout nicht dulden, dass Lazarus seine Verbände wirklich brauchen sollte. Musste man wirklich diesen Unfrieden stiften? Alle anderen kriegen das doch schließlich auch hin! Und so musste man schweren Herzens Lazarus schließlich Hausverbot erteilen. Die Heiligkeit des Hauses Gottes durfte nicht einfach so profanisiert und geschändet werden. Ja es wurde in der Gebetsstunde sogar zum Gebet für Lazarus aufgerufen, dass er doch zur Erkenntnis der Wahrheit kommen möge. So stieß man den, der in dem Schoße Abrahams ruhen sollte, aus seinem Kreis.  (Lektion 6: Gesetzlichkeit macht lieblos) An dieser Stelle war die Gemeinde nur noch eine Haaresbreite davon entfernt, nicht mehr die Gemeinde des Herrn zu sein. Ob sie wohl noch zur Erkenntnis der Wahrheit kam?“

Die obige, allzu wahre Geschichte ist so natürlich schon zu oft passiert. Ich hoffe zeigen zu können, dass die Symptome des Legalismus und des Antinomismus sich sehr ähneln:

  • Verlust der Evangelistischen Botschaft
  • Verkündigung des Moralismus
  • Separatistische Hochmütigkeit, Gleichgültigkeit
  • Lieblosigkeit und zunehmend unweises Verhalten.

Da wir so viel von Schuhen geredet haben, ein Vers aus Amos 2,6 zum Schluß:

amos 26