Ich liebe dich, aber nur unter diesen Bedingungen…!

barmherziger_Samariter

Einer meiner Freunde hat recht große Probleme in seiner Ehe. Die Ehefrau sagte ihm, dass Vergebung und Versöhnung nur möglich ist, wenn er verschiedene Anforderungen erfüllt. Nun warf er sich mächtig ins Zeug. Als aber die To-Do Liste erfüllt wurde, lag plötzlich eine weitere vor. Wohlgemerkt, ich rede hier nicht von ehelicher Treue, sondern Aussagen, wie “ du musst romantischer werden“, „du musst mir mehr Freiräume geben“ etc… Übrigens, einen beachtlichen Anteil an der Krise in dieser Ehe, haben auch beide Elternteile des Paares. Die eigenen Eltern des Betroffenen versagen ihm jegliche(!) Unterstützung, wie materiell oder beratend, da er sie als jugendlicher (also über 10 Jahre her) „enttäuscht hätte“. Die Schwiegermutter wiederum scheint größte Freude dabei zu haben, Öl ins Feuer zu gießen, wie konnte ihre Tochter sich nur so einen seltsamen Ehemann aussuchen….

Dieses Beispiel erzähle ich als Illustration für Folgendes: Wenn ich Liebe als das wirklich mindeste definiere, nämlich die Fähigkeit zur Gemeinschaft und Toleranz, dann stelle ich fest, wie oft diese Liebe einem verweigert wird, da man den Anspruch dafür erst verdienen muss. In der Praxis sieht das dann so aus: „Ich kann dir nicht helfen, in diese Misslage, in der du bist, hast du dich schließlich selbst reingebraucht, warum warst du auch so blöd, um…“ (Mit beliebigem Ausfüllen). Ach ne, welches Problem ist denn nicht (zumindest zu einem Teil) selbst verschuldet. Wenn ich keine Probleme hätte, würde ich doch gar keine Hilfe brauchen. es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass diese „Liebe mit Bedingungen“ gar keine Liebe ist. Liebe kann man hier auch mit Brüderlichkeit, Freundlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft ersetzen. Einmal brach ein mir sehr wichtiger Mensch mit mir jeglichen Kontakt ab, weil ich eines unserer Kinder so nannte, wie er es sich nicht wünschte. Zu einem anderen Zeitpunkt wurde ich dafür verachtet, dass ich Abitur habe und Studiere, mit der Anmerkung: „Christen, die studieren, darf man nicht trauen“. Die Beziehung zu meiner Mutter ist ebenfalls sehr angespannt, denn Sie ist sehr unglücklich über mich, erfülle ich doch ihre Vorstellungen nicht. Als ich einen beachtlichen Teil der Ansprüche wett machen konnte, wurde die Liste einfach entsprechend um weitere erweitert. Man ist also nicht einen Schritt weiter gekommen auf der Akzeptanz. Hier möchte ich nicht von der anderen Seite vom Pferd fallen, und entgegenrufen, wenn du mich nicht akzeptierst, dann liebe ich dich auch nicht, denn dann würde ich in die selbe Falle tappen (auch wenn die Versuchung dafür manchmal groß ist). Einmal, habe ich eine falsche Entscheidung getroffen, und habe dieses Szenario sehr deutlich zu spüren bekommen: Wir haben als Familie mal eine eher ungeschickte Wohnungswahl getroffen. Nach nur einem Jahr sind wir dann wieder umgezogen, und als ich einige um Hilfe frug, kam die Antwort prompt: „Warum sollte ich dir jetzt helfen, wärst du doch bloß nicht so doof, dahin zu ziehen“. Das mit dem Umzug ist natürlich eine Kelinigkeit, aber wenn Beziehungen über Jahre leiden, weil wir zu stolz zum Vergeben sind, dann ist die Lage eine ganz andere. Hier zeigen Sünden über Generationen ihre Wirkungen.

Ich erlebe das  so oft, dass an einem ganz kalt vorbeigegangen wird, weil der Hilfsbedürfte, doch schuld ist an seiner Lage… Musste er unbedingt den Weg von Jericho nach Jerusalem nehmen (Lk. 10,25ff), hat er etwa nicht daran gedacht, dass hier Verbrecher lagern…

Zurück zum ersten Beispiel, die Eltern des jungen Paares könnten hier mit einfachen Maßnahmen große Versöhnung schaffen, aber ihre Kinder haben es ja nicht verdient… Sie haben den Anspruch auf Hilfe verspielt. Ich glaube aber, dass es nur eine faule Ausrede ist, denn natürlich hat jeder Mensch, selbst der beste Christ, noch soviel vom alten Adam an sich, dass man sehr schnell den Finger strecken könnte: „Seht her, seht da!“

Gott bewahre uns davor, dass wir unsere Lieblosigkeit mit einem Mantel von Scheinheiligkeit zu decken, da wir uns dann einbilden, unsere Liebe müsse man sich erst verdienen!

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

2 Kommentare zu „Ich liebe dich, aber nur unter diesen Bedingungen…!“

  1. Lieber Sergej, danke für deinen Beitrag, der – fürchte ich – sehr zutreffend ist für den Umgang vieler russlanddeutscher Christen. Es gibt auch unter russlanddeutsch geprägten Christen solche und solche, aber mir ist auch aufgefallen, dass es dort viele gibt, deren Anspruch und Erwartungen anderen gegenüber sehr hoch sind. Und wenn man deren Vorstellungen und Prinzipien nicht entspricht, dann nehmen sie einem das sehr, sehr übel. Und du hast vollkommen Recht: Mit Liebe hat das absolut nichts zu tun, weil die Liebe erträgt alles. Natürlich ist das schwer, vor allem, wenn man sehr klare Vorstellungen und feste Meinungen über gewisse Punkte hat.

    Aber ich fürchte, dass auch in russlanddeutschen Gemeinden einige Menschen niemals Jesus Christus persönlich kennen gelernt haben und letztlich nicht errettet sind. Sie halten sich äußerlich an gewisse Vorgaben, fallen deshalb auch nicht unbedingt negativ auf, aber innerlich haben sie kein neues Leben und keine Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus. Andere sind wohl „technisch gesehen“ errettet, haben aber keine Freude an ihrem Herrn, weil sie ihre Rettung nicht als Befreiung, sondern nur als Vertrag erlebt haben, dessen Regeln und Bedingungen sie jetzt peinlich genau einhalten müssen. Beide Gruppen kennen den Gott der Liebe nur als den, der ihnen einen Katalog voller Paragraphen und Satzungen vorgibt, nach dem sie leben müssen, wenn sie nicht (wieder) verloren gehen wollen. Logisch, dass man so andere Leute nicht bedingungslos lieben kann – man hat es ja selbst nicht erlebt.

    Dazu kommt die Angst. Man fürchtet den Abfall vom Glauben – von anderen, aber auch von sich selbst. So kann man nicht gelassen im Vertrauen auf den allmächtigen Gott leben, sondern versucht krampfhaft, das Böse von sich fern zu halten. Und das lauert ja in jeder Ecke, muss entlarvt und eliminiert werden, sonst greift es um sich und vergiftet alles und zerstört die Gemeinde. Dabei hat Jesus doch versprochen, dass die Pforten der Hölle die Gemeinde nicht überwinden werden. ER passt doch auf auf seine Schafe, die niemand aus seiner Hand reißen kann. Leider glaubt man Jesus das irgendwie nicht. Und lebt lieber den Dauer-Krampf mit Perfektionismus und Fehler-Vermeidung um jeden Preis. Wer so verkrampft ist, der kann natürlich auch nicht gelassen mit den Entscheidungen anderer leben. Und noch schlimmer, wenn der andere Fehler macht! Hier werden Irrtümer mit Irrlehren verwechselt und Schwäche mit Sünde. Und das Ergebnis ist, dass man dann auf einmal bei Kleinigkeiten und Privatangelegenheiten meint, Gemeindezucht praktizieren zu müssen, aber bei offenkundiger Sünde nicht aktiv wird, sondern es als „Schwäche“ abtut und Irrlehren in der Gemeinde nicht benennt. Man folgt also dem Prinzip, das Jesus anprangert: Mücken aussieben, aber Kamele verschlucken.
    Das alles ist verständlich und nachvollziehbar, aber trotzdem tragisch.

    Lass uns beten, dass der Herr dieser Entwicklung von Unglaube, Selbstgerechtigkeit und Knechtschaft in russlanddeutschen Christen Einhalt gebietet! Eigentlich logisch, dass sie vom Feind angegriffen werden, immerhin haben sie ein klares Bekenntnis zum Wort Gottes und in vieler Hinsicht eine große Strahlkraft durch ihren hingegebenen Lebenswandel. Das wird natürlich durch Heuchelei, Freudlosigkeit und Gesetzlichkeit effektiv zunichte gemacht. Beten wir, dass der Herr Jesus die Augen auftut und viele zu echter Freude und Liebe führt, sie erkennen lässt, dass seine Gnade unendlich ist und Gott nicht auf unseren „vorbildlichen“ Lebenswandel angewiesen ist, um seinen Plan zu erfüllen. Er wirkt doch besonders gern durch die Kleinen, die Zerbrochenen, die Demütigen = die Versager. Gott hat keine Angst vor unseren Fehlern! Und er vergibt immer gerne – auch ohne unsere Beteuerungen, in Zukunft alles viel besser zu machen. ER will es besser mit uns machen.

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