Der pöbelnde, rebellische, saufende und antisemitische Luther

Ok, ich gestehe ein, ich habe die Überschrift nur als Lesemagnet gewählt, ändert aber wenig an meinem Anliegen:

Von Luther ist in der Welt wenig bekannt: Im besten Fall erkennt man ihn als einen, der für freies Denken und mehr Gerechtigkeit kämpfte, aber im großen und ganzen ein Kind seiner Zeit blieb. Mit „seiner Zeit“ meint man übrigens sowieso alle Zeiten, vor unserer Generationen, und diese Zeiten sind prinzipiell immer als dunkel, trüb, unfair zu werten. Aus irgendeinem mystischen Grund haben wir uns weiterentwickelt. Nur wohin wir uns entwickeln, das vermag keiner zu sagen.

Aber einen glaubenden Luther kennt man wenig. Auch der Christ hat von Luther ein Bild, eines unzufriedenen Mönches, dem mal das Papsttum so sehr auf den Keks ging, dass er 95 Sätze an eine Kirchentür drannagelte, später den Ausschluss aus der katholischen Kirche ignorierte, und selbst vor dem Kaiser nicht einknickte. Ein sturer, übermütiger Deutscher, der sich vor keinem beugen ließ, weil er es gehörig satt hatte. Den Rest seines Lebens verbrachte er damit zu saufen, gegen Juden und Katholiken zu pöbeln und selbst mit Leuten aus seinem Lager wegen Nichtigkeiten im Clinch zu liegen.

Welch völlig verdrehtes Bild selbst Protestanten vom Reformator haben, wird deutlich, wenn man die Faktenlage analysiert (kursiv gesetztes ist zitiert aus „Überwältigt von Gnade“ von John Piper):

  • Schreibeifer: So schrieb er 1520 133 Werke; 1522 130; 1523 183 (jeden zweiten Tag eins!), und 1524 genauso viele. Er war der Blitzableiter für alle Kritik an der Reformation. »Alle sammelten sich zu ihm, belagerten stündlich seine Tür, Scharen von Bürgern, Doktoren, Fürsten. Diplomatische Schwierigkeiten mussten gelöst werden, verwickelte theologische Fragen waren zu entscheiden und Regeln für
    das soziale Verhalten mussten festgelegt werden.« Dabei entstanden theologisch hochwertige Werke, wie die Katechismen, „Vom unfreien Willen“, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „Von den guten Werken“… Diese Werke beeindrucken durch ihre klare Sicht in einer Zeit von viel unklarer Sicht.
  • Familienvater und Prediger: Zweitens war Luther gleich den meisten Pastoren ein
    Mensch, der eine Familie hatte, zumindest von seinem zweiundvierzigsten Lebensjahr an bis zu seinem Tod im Alter von 62 Jahren. Er kannte die Not und das Herzeleid, Kinder zu haben, sie großzuziehen und zu verlieren. Käthe schenkte ihm in schneller Folge sechs Kinder: Johannes (1526), Elisabeth (1527), Magdalena (1529), Martin (1531), Paul (1533) und Margarethe (1534). Rechnen Sie einmal ein wenig nach: In dem Jahr zwischen Elisabeth und Magdalena predigte er 200-mal (häufiger als alle zwei Tage eine Predigt).  Rechnen Sie dazu, dass Elisabeth in diesem Jahr mit acht Monaten starb – doch fuhr er trotz des Schmerzes mit seiner Arbeit fort.  Neben den eigenen Kindern galt es noch über ein Dutzend Kinder der beiden verstorbenen Schwestern Luthers zu betreuen.
  • Universitätsprofessor: Seinem echten Beruf blieb Luther bis zu seinem Tod treu: Professor für Bibelkunde. So ist auch ein Großteil seines Gesamtwerkes von Auslegungen über diverse Bibelbücher gekennzeichnet (z.B. die Psalmen, Galaterbrief, Römerbrief, Genesis, Johannesbriefe…)
  • Bibelübersetzer: Das neue Testament wurde in 10 Wochen ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzungen wurden sein Leben lang weiterverbessert und aktualisiert.
  • Verspottet und Verhasst: Ein hurender Papst ließ Spione dafür bezahlen (mehr dazu z.b. in der Biographie von Richard Friedenthal), damit diese doch irgendwie etwas Anstößiges über Luther herausbringen könnten, irgend ein sexuelles Vergehen, aber man blieb nicht fündig. So versuchte man es mit Verleumdungen: „Der Sohn einer entlaufenen Nonne und eines untreuen Mönches wäre der Antichrist“. Selbst Erasmus von Rotterdam verbreitete das Gerücht, Luther müsse  schnell heiraten, weil Käthe bereits schwanger wäre. Dabei geschah seine Eheschließung unter großer Lebensgefahr (mehr dazu z.B. bei Heinrich Fausel: Martin Luther, sein Leben und Werk).  Noch G.E. Lessing persönlich glaubte über 200 Jahre später an die Echtheit von pornographischen Schmuddelheftchen, die sich über die Familie Luther lustig machten.

Die Fehler und Schwächen Luthers sind hier nicht als unvereinbar mit den beschriebenen Tugenden zu werten. Es kann nicht anders sein, als dass Gott sich schwacher und niedriger und elender Gefäße bedient, um sein Werk zu tun. Menschlich war das weder möglich, noch zu stemmen, noch zu ertragen, aber durch das Werk des Heiligen Geistes wurde es möglich: Seine Kraft ist in den schwachen mächtig. Unsere Kritik an Luther ist dann laut, wenn wir denken, dass Luther der starke Mann war. Aber er war der schwache, getragen von einem starken Gott! Die Reformation ist ein Ereignis gewesen, dass vom Wirken und Handeln Gottes geprägt war. Er suchte sich die Leute aus, heiligte sie und bereitete sie zum Dienst und doch sehen wir gleichzeitig die Schwachheit dieser Diener, was uns eine ernste Mahnung sein soll, unsere Abhängigkeit vom Herrn zu erkennen (und uns nebenbei gesagt auch vor einer Heiligenhuldigung bewahrt).


P.S. Vielen ergeht es ähnlich:

  • Von Calvin erzählt man, dass er den ganzen Tag über Vorherbestimmung sprach und die Wiedertäufer hasste
  • Von Spurgeon meint man zu wissen dass er den ganzen Tag wie ein Schlot rauchte und ständig Urlaub in Frankreich machte (und dann auch noch ohne seine Frau…)
  • Hudson Taylor ließ sich entgegen 1 Kor 7 einen chinesischen Zopf wachsen.
  • Georg Müller konnte sich nie mit Darby versöhnen
  • Beliebiger Name + Irgendeine negative Story, die jeder über diesen kennt

 

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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