Vier Erzählungen über die Rechtfertigung

„So beobachten wir eindrücklich, dass bei Augustinus, Luther, Calvin und Bunyan jeweils eines der Ämter Christi besonders deutlich in ihrer Rechtfertigung in Christus zum Tragen kommt. Das heißt jedoch nicht, dass die anderen Ämter nicht ebenfalls ihre Funktion und Aufgabe in diesen Erlebnissen erfüllten. Die drei Ämter Jesu Christi können nicht voneinander getrennt werden, jedoch können sie deutlich voneinander unterschieden werden“  (B. Tanner in „Eine Theologie der Seelsorge„, S. 252)

Beat Tanner lehrte mich die drei Ämter Christi als König, Priester und Prophet. In seinem Buch entwickelt er diese Idee in unterschiedliche Richtungen, am ungewöhnlichsten fand ich die Anwendung in der praktischen Rechtfertigung:

Aurelius Augustinus (354 – 430)

„Schon als Jüngling war ich elend, sehr elend; bei dem Beginn meiner Jünglingsjahre hatte ich dich um Keuschheit gebeten und gesagt: „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, doch nicht sogleich!“ Denn ich fürchtete, du möchtest mich allzu schnell erhören, mich allzu schnell heilen von der Krankheit meiner Lüste, die ich lieber bis zur Hefe genießen als erlöschen wollte. So wandelte ich auf schlimmen Pfaden in gottlosem Aberglauben, zwar nicht davon überzeugt aber ich zog ihn allem andern vor, was ich nicht mit Frömmigkeit suchte, sondern feindlich bekämpfte.
Ich hatte geglaubt, daß ich es nur deshalb von Tag zu Tag Aufgehoben alle Hoffnung der Welt aufzugeben und dir allein zu folgen, weil sich mir nichts Sicheres darböte, um meinen Lauf dahin zu richten. So war der Tag gekommen, wo ich in meiner ganzen Blöße vor mir stand und mein Gewissen in mir schrie: Wo bist du, Sprache? Du sagtest ja, du wollest, weil die Wahrheit unsicher sei, die Bürde der Eitelkeit noch nicht abwerfen (…)  Denn von ihr fühlte ich mich gefesselt und stöhnte laut in kläglichem Jammer. Wie lange? Wie lange? Morgen und immer wieder morgen? Warum nicht jetzt, weshalb setzt nicht diese Stunde meiner Schande ihr Ziel? So sprach ich und weinte bitterlich in der Zerknirschung meines Herzens. Und siehe, da hörte ich eine Stimme aus einem benachbarten Hause in singendem Tone sagen, ein Knabe oder ein Mädchen war es: Nimm und lies! Nimm und lies! Ich entfärbte mich und sann nach, ob vielleicht Kinder in irgendeinem Spiele dergleichen Worte zu singen pflegen, konnte mich aber nicht erinnern, jemals davon gehört zu haben. Da drängte ich meine Tränen zurück, stand auf und legte die gehörten Worte nicht anders, als daß ein göttlicher Befehl mir die heilige Schrift zu öffnen heiße und dass ich das erste Kapitel, auf welches mein Auge fallen würde, lesen sollte. Denn ich hatte von Antonius gehört, dass er beim Vorlesen des Evangeliums in  der Kirche, zu dem er zufällig gekommen war, das Wort, das da vorgelesen wurde, als eine Ermahnung auf sich bezog: Gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach. Durch solche Gottesstimme sei er sogleich bekehrt worden. Und so kehrte ich eiligst zu dem Orte zurück, wo Alypius saß und wo ich bei meinem Weggehen die Schriften des Apostels Paulus zurückgelassen hatte. ich ergriff das Buch, öffnete es und las still für mich den Abschnitt, der mir zuerst in die Augen fiel: Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesum Christum und wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde. Ich las nicht weiter, es war wahrlich nicht nötig, denn alsbald am Ende dieser Worte kam das Licht des Friedens über mein Herz und die Nacht des Zweifels entfloh. (Aus Augustinus, Aurelius: Bekenntnisse, Buch 8)

Augustinus bezeugt vorwiegend die befreiende Macht des Königs Jesus, welche ihn von der Sklaverei der Sünde befreite, aus dessen Macht er mit eigener Willenskraft niemals herausgefunden hätte. (B. Tanner, ibd, S. 254)

Martin Luther (1483 – 1546)

„Unterdessen war ich in diesem Jahre von neuem daran gegangen, den Psalter auszulegen. Ich vertraute darauf, geübter zu sein, nachdem ich die Briefe des Paulus an die Römer, an die Galater und an die Hebräer in Vorlesungen behandelt hatte. Mit außerordentlicher Leidenschaft war ich davon besessen, Paulus im Brief an die Römer kennenzulernen. Nicht die Herzenskälte, sondern ein einziges Wort im ersten Kapitel (V. 17) war mir bisher dabei im Wege: »Die Gerechtigkeit Gottes wird darin (im Evangelium) offenbart.« Ich hasste nämlich dieses Wort »Gerechtigkeit Gottes«, weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Lehrer unterwiesen war, es philosophisch von der formalen oder aktiven Gerechtigkeit (wie sie es nennen) zu verstehen, nach welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft. Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder, und mein Gewissen quälte mich sehr. Ich wagte nicht zu hoffen, dass ich Gott durch meine Genugtuung versöhnen könnte. Und wenn ich mich auch nicht in Lästerung gegen Gott empörte, so murrte ich doch heimlich gewaltig gegen ihn: Als ob es noch nicht genug wäre, dass die elenden und durch die Erbsünde ewig verlorenen Sünder durch das Gesetz des Dekalogs mit jeder Art von Unglück beladen sind – musste denn Gott auch noch durch das Evangelium Jammer auf Jammer häufen und uns auch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen? So wütete ich wild und mit verwirrtem Gewissen, jedoch klopfte ich rücksichtslos bei Paulus an dieser Stelle an; ich dürstete glühend zu wissen, was Paulus wolle.

Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: »Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (im Evangelium) offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.« Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben. Ich fing an zu begreifen, dass dies der Sinn sei: durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: »Der Gerechte lebt aus dem Glauben.« Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein. Da zeigte mir die ganze Schrift ein völlig anderes Gesicht. Ich ging die Schrift durch, soweit ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch bei anderen Worten das gleiche, z.B.: »Werk Gottes« bedeutet das Werk, welches Gott in uns wirkt; »Kraft Gottes« – durch welche er uns kräftig macht; »Weisheit Gottes« – durch welche er uns weise macht. Das gleiche gilt für »Stärke Gottes«, »Heil Gottes«, »Ehre Gottes«.

Mit so großem Hass, wie ich zuvor das Wort »Gerechtigkeit Gottes« gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses gewesen. Später las ich Augustins Schrift »Vom Geist und vom Buchstaben«,23 wo ich wider Erwarten darauf stieß, dass auch er »Gerechtigkeit Gottes« in ähnlicher Weise auslegt als eine Gerechtigkeit, mit der Gott uns bekleidet, indem er uns gerecht macht. Und obwohl dies noch unvollkommen geredet ist und nicht alles deutlich ausdrückt, was die Zurechnung betrifft, so gefiel es mir doch, daß (hier) eine Gerechtigkeit Gottes gelehrt werde, durch welche wir gerecht gemacht werden. „(Martin Luther: Vorrede zu Band I der lateinischen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe, zitiert hier aus der Digitalen Bibliothek Band 63 S. 1083 (c) Vandenhoeck und Rupprecht)

Durch die Bekleidung mit dieser fremden Gerechtigkeit in Christus hat Luther das Erbarmen Gottes erfahren. Das Amt des Priesters bedeutet, dass Christus als das Lamm Gottes an der Stelle des Sünders gestorben ist. Das ist für Luther die passive, geschenkte Gerechtigkeit. (B. Tanner, ibd, S. 256)

Johannes Calvin (1509 – 1564)

Wir finden keine detaillierten Angaben über die Bekehrung von Johannes Calvin (…) Calvin erwähnt seine „plötzliche Bekehrung“ im Vorwort zu den Genfer Psalmen (1543). (B. Tanner, ibd, S. 257)

„Darum hat [Gott] mein trotz seiner Jugend schon recht starres Herz durch eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit gebracht. Erfüllt vom Geschmack der wahren Frömmigkeit, entbrannte ich in einem solchen Eifer, darin Fortschritte zu machen, dass ich die übrigen Studien zwar nicht fallen ließ, wohl aber ziemlich nachlässig betrieb“  (Johannes Calvin in seinem Kommentar zum Buch der Psalmen, zu finden hier.)

„Und als sich mein Geist nun zu ernsthafter Aufmerksamkeit bereit fand, da merkte ich erst, wie wenn mir jemand plötzlich ein Licht aufgesteckt hätte, in was für einen Sumpf von Irrtümern ich mich gewälzt hatte, mit wie viel Schmutz und Flecken ich daher verunstaltet war. Tief bestürzt über die Erkenntnis des Elends, in das ich gefallen war, und viel mehr noch dessen, was mir drohte – des ewigen Todes- tat ich, was meine Pflicht war, hielt nichts für dringlicher, als unter Seufzen und Tränen über meine bisherige Lebensführung den Stab zu brechen und mich auf deinen Lebensweg zu verpflichten. Und nun, Her, was bleibt mir Elenden anderes übrig, als Dir statt einer Verteidigung die Bitte vorzulegen, Du mögest mir diesen schrecklichen Abfall von deinem Wort nicht anrechnen, aus dem Du mich ein für allemal durch deine wunderbare Güte als dein Eigentum befreit hast.“ (Johannes Calvin (1539): Johannes Calvin entbietet Kardinal Sadolet seinen Gruss)

Calvin war der Schüler und das Wort Gottes sein Lehrer. Für ihn ist es wahre Erkenntnis, wenn der Mensch mit Ehrfurcht annimmt was Gott von sich selber bezeugen will (…) Für ihn war die Erkenntnis der Schrift ein wichtiger aspekt der Erlösung (B. Tanner ibd, S. 257)

John Bunyan

„Oh die Erinnerungen an meine großen Sünden, an meine großen Anfechtungen und an meine große Furcht vor dem ewigen Verderben, sie erwecken in meiner Seele aufs Neue die Erinnerung an die große Hilfe, die mir zuteil geworden ist, den grossen Beistand vom Himmel und die große Gnade, die Gott einem solchen Lumpen wie mir geschenkt hat.“ (…) „Eines Tages jedoch, als ich über Land zog, war mein Gewissen dermaßen niedergedrückt, dass ich fürchtete, es könne doch nicht alles in Ordnung sein. Da kam plötzlich folgender Spruch zu meiner Seele: „Deine Gerechtigkeit ist im Himmel“, und zugleich schien es mir, dass ich mit den Augen meiner Seele Jesus Christus zur rechten Gottes schaute. Dort, sage ich, war meine Gerechtigkeit. Wo immer ich auch sein mochte, und was immer ich auch tat, Gott konnte von mir nicht sagen, ihm mangelt meine Gerechtigkeit, denn diese hatte er gerade vor seinen Augen. Obendrein erkannte ich, dass nicht die gute Verfassung meines Herzen  meine Gerechtigkeit besser mache, noch meine schlechte Verfassung meine Gerechtigkeit verderbe; denn meine Gerechtigkeit war Jesus Christus selbst,  „Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit“. Jetzt fielen meine Ketten wirklich von mir ab. Ich war erlöst aus meinen Anfechtungen und meinen Fesseln, auch meine Versuchungen wichen von mir.“ (John Bunyan in Überreiche Gnade., S 6 und 69)

Bei Bunyan erleben wir den prophetischen Aspekt der drei Ämter Christi am deutlichsten. Die Erinnerung an das Wort Gottes ist das Amt des Propheten (B. Tanner, ibd, S. 260)

 

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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