Katholisch ist Fremdsprache!

Von J. Hartl habe ich dieses Zitat entdeckt:

Am 31. Oktober 2017 vor 500 Jahren begann die Reformation. 500 Jahre Reformation, ein grosses Jubiläum! Grund zum Feiern!? Ja und Nein! Nein, denn können wir Christen eine Spaltung feiern, die objektiv eine “Sünde” ist? Jesus hat um Einheit und nicht um Spaltung gebetet: “Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: “Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaub, dass du mich gesandt hast” (Joh 17,20-21).

Ich weiß weder, wie Hartl sein Ja begründet, noch habe ich jemals mehr von ihm gelesen, denn das Zitat habe ich auf Himmelsgetrei.de gefunden, worin der Autor des Blogs hier Hartl aus seinem Buch, Katholisch als Fremdsprache zitiert.

Das Zitat packte mich doch, den Hartls Fazit ist: die Reformatoren haben gesündigt; Es kann gar nicht anders sein!

Gehen wir dieser These doch einmal nach und betrachten fünf notwendige Korrekturen ausführlich, die deutlich machen, dass Hartl seine Aussage dringend überdenken sollte!

Korrketur 1: Der Seelsorger Luther

Wie wurde Luther eigentlich auf den Ablassmissbrauch aufmerksam? Suchte er nach einer Gelegenheit für Spaltung? Nein, es war so, dass er sein Amt als Seelsorger wichtig nahm, und auf die Beschwerden vieler Beichtkinder reagierte. So schreibt der Luther-Biograph R. Friedenthal: „Dass das Verfahren (der Ablasshandel) eine marktschreierische Unternehmung gewesen ist, wird ebenso zuverlässig anzunehmen sein. Es ging Luther aber damals nicht so sehr um die einzelnen Worte. Der ganze Handel empörte ihn sehr viel mehr als das Drum und Dran, das auch keineswegs unüblich war.  (…) Aber diese mehr äußerlichen Dinge waren es nicht, die Luther bewegten. Er hatte sich mit dem Problem der Gnade gequält und nun trat die frage an ihn heran, ob dieses „Gnadenmittel“ der Zugang zum Heil sei oder vielleicht nur ein „gutes Werk“, das dem Menschen das beruhigende Gefühl verlieht, er habe sein Teil getan und mehr sei nicht nötig. Dass die Kirche zu viel Wert auf solche äußeren Mittel legte, hatte ihn schon seit langem beschäftigt (…) Den Ablaß selbst bestritt er noch keineswegs, ebenso wenig die Autorität des Papstes. Er glaubte nur, darin ein gläubig-gehorsamer Mönch,  dass gewisse Missstände sich breitgemacht hätten. (S. 159f.)

Fazit: Als Luther 1517 gegen den Ablass vorging, ging es ihm vor allem darum, dem Missbrauch von Gnadenmitteln gegenzusteurn. (Vgl. auch z.B. These 35.)

Frage an den Leser: Gab es denn gar nichts anstößiges am Katholizismus des Mittelalters? Also alles koscher mit dem Ablasshandel? Soll man über Sünde einfach um des Friedens Willen hinwegsehen?

Korrektur 2: Der besorgte Seelsorger wendet sich an den Erzbischof!

Argument gegen Hartls These: Das Luther vor allem aus seelsorgerlichen Gründen an den Erzbischof. Dieses Schreiben ist erhalten, und kann hier eingesehen werden. Dort kann jeder Laie einfach lesen, was Luther motivierte. Es waren vor allem die vielen Beschwerden, in der Seelsorge/Beichte, die ihn dazu bewegten, etwas zu unternehmen. So schreibt Luther:

„Dazu hat mich vor allem die Treuepflicht bewegt….“

“ Sie sagen(…) weiter, die Gnadenwirkungen dieses Ablassen seien so kräftig, dass keine Sünde zu groß sein kann, (…) dass sie nicht vergeben werden könnte“

„Wie also machen sie durch diese falschen Märchen und Versprechungen vom Ablaß das Volk sicher und ohne Furcht, da doch der Ablaß den Seelen nicht zum Heil und Heiligkeit verhilft, sondern nur die äußerliche Strafe wegnimmt, die man früher nach den Kanones aufzuerlegen pflegte? (…) “

Man beachte, mit welcher Ehrfurcht Luther schreibt:

„Verzeihe mir, hochwürdigster Vater in Christus“ (…) „, oder: „Deine Hoheit möge daher so gnädig sein, ihr Augenmerk auf einen Staub zu richten, und meiner Bitte nach Deiner eigenen und der bischöflichen Milde Verständnis entgegenbringen.“, oder am Schluß:  „Denn auch ich bin ein Teil deiner Herde. Der Herr Jesus behüte Dich, hochwürdigster Vater, in Ewigkeit, Amen“

Übrigens, und das wird auch Hartl bestätigen können, wird der „hochwürdigste Vater, Erzbischof von Mainz, kaum Zeit gefunden haben, diesen zu lesen, geschweige zu beantworten, da er mit der Anhäufung geistlicher Ämter beschäfitgt (Simonie!)war, was gegen die katholische Praxis verstaß. Es ist sicher nur seltsamen Umständen zu verdanken, dass die Missbrauch nie geahndet wurde.

Fazit: Luther wollte keinen wilden Sturm auf die Kirche, sondern die Aufhebung einer seltsamen Praxis. Dass sie seltsam war, können und werden heute auch viele Katholiken bestätigen (Ich höre mich gerne in meinem katholischen Dorf um, und poste hier das Ergebnis einer Umfrage!)

Frage an die Leser: Hätte Luther die Anliegen seiner Beichtkinder nicht ernst nehmen sollen? Ist Gemeinde unkritiserbar?

Korrektur 3: War es vielleicht doch der raue Ton und die barsche Art Luthers?

So gehe man schließlich nicht mit den Verantwortlichen und Leitern und Stellvertretern Christi im Reiche Gottes um! Schließlich wird Luther ja in seinem Brief so dreist, dem werten Herrn Albrecht, verzeihung dem Hochwürdigsten Vater (Ob Matth. 23,9 in der Vulgata falsch übersetzt wurde?) etwas zu schreiben, dass fast wie eine Drohung klingt: „damit nicht vielleicht schließlich einer aufstehe, der durch die Veröffentlichung seiner Bücher sie und auch jenes Buch widerlegte, zur höchsten Schmach deiner durchlauchtigsten Hoheit“ Was fällt diesem Spälter Luther ein! Halt! Greifen wir wieder zu Friedenthal, der uns erinnert:

„Kritik, schärfste Kritik an den Zuständen der Kirche, auch in den als Hoch- und Blütezeit des Papsttums verherrlichten Epochen ist immer geübt wordne, oft mit stärkeren Worten, als Luther sie gebraucht hat. (…) kaum jemand hatte es mehr gewagt, einen Papst, noch dazu einen so gewaltigen wie Gregor VII, den eigentlichen Begründer Weltmachtstellung der Kurie, einen „heiligen Satan“ zu nennen, einen „wolf“ und „Tiger“, wie das der heilige Petrus Damiani getan hatte, der auch- was später nicht mehr vorkam- seinem Oberherrn sein Bistum Ostia, die höchste Kardinalswürde, vor die Füße warf und sich in sein Eremitenkloster zurückzog, um seine vier Bände über das Sodom und Gomorrha des Klerus“ zu schreiben (S.24)“

Friedenthal arbeitet später an mehreren Stellen heraus, dass es auch innerhalb der katholischen Kirche mitten in der Reformation sehr deutliche Stimmen nach Reformen gab, z.B. gerade durch Johannes Eck, einem Kontrahenten Luthers.

Fazit: Vor allem in seinem anfänglichen Auftreten war Luther sehr zurückhaltend und seelsorgerlich in seiner Kritik!

Frage an den Leser: ist Jede Kritik an den Zuständen innerhalb deiner Ortsgemeinde bereits spälterisch? Ist es nicht oftmals die Sorge um die Reinheit und Einheit die uns zu drastischen Tönen und Handlungen bewegt!

Korrektur 4: War die katholische Kirche stets um Einheit bemüht?

Wer an der Reformation anfängt, vergisst, dass sich die katholische Kirche bis dahin bereits von der Ostkirche getrennt hat. Zunächst wohl in einem Zustand, denn man einvernehmlich nennen kann, doch schon bald kam es zu gegenseitigen Exkomunikationen. Man kann einen wunderbar ausführlichen Artikel über das morgenländische Schisma auf Wikipedia lesen! Da das Zitat von Hartl nahelegt, dass der Katholizismus sich immer um Einheit bemüht hat, wird man doch bestimmt viel mittelalterliches Material finden, dass sich um den Dialog mit der Ostkirche bemüht, dass versucht die letzen Gemeinsamkeiten zu retten, dass sich an das gemeinsame Bekenntnis erinnert? Doch leider irrt man sich da! Man wird da keine Materialien finden.

Fazit: Der Einwand, die katholische Kirche wäre stets vor allem um Einheit bemüht, wird durch die Behandlung der Ostkirche sauber widerlegt!

Frage an den Leser: Wie oft findest du in deinem Leben, Argumente, die nur auf der obersten Schicht schlüssig klingen?

Korrektur 5: Wurde Luther sauber widerlegt?

Nun ja, nach einigen Jahren in schwierigen politischen und finanziellen Wirren, die auch der Kirche zu schaffen machten (wohl der schmale Weg), war es bald so weit, dass man Luther endlich als Ketzer enttarnen konnte. Das geschah vor Kardinal und schließlich auch vor dem Kaiser. Man wird sicherlich in beiden Fällen eine ausführliche theologische Auseinandersetzung geführt haben. Den Ketzer Luther sauber enttarnen! Ich darf wieder mit Friedenthal korrigieren:

„Der Kardinal, darin ganz sicher vorgehend, konfrontierte ihn immer wieder mit päpstlichen Dekretalen, die Luther nicht bestreiten konnte. Cajetan betonte, väterlich, energisch und schließlich streng: „Glaubst Du, oder glaubst Du nicht? Widerrufe, erkenne Deine Irrtümer, das und nichts anderes ist der Wille des Papstes!“ Luther erwiderte, er glaube allerdings, vorbehaltlich dessen, was die Bibel sage. „Cajetan gab ihm das „Vorbehaltlich zurück: Der Papst legt die Bibel aus“

Während Cajetan sich noch einige Tage Zeit nahm, sah das in Augsburg vor dem Kaiser anders aus! Auf der Rückreise von Augsburg schreibt Luther an Lukas Cranach: „Ich meinte, kaiserliche Majestät sollt ein Doctor oder fünzig haben versammelt und den Münch redlich überwunden. So ist nichts mehr hie gehandelt denn so viel: Sind die Bücher Dein? Ja. – Willst du sie widerrufen oder nicht? Nien. – So hab Dich. – “

Fazit: Jeder, der sich auch nur näherungsweise mit der Biographie Luthers beschäftigt, stellt fest, dass nie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinen Thesen stattfand

Frage an den Leser: Wie würdest du reagieren, wenn man deine Thesen kein bisschen ernst nimmt, dich aber gleichzeitig als Ketzer „zum Wiederrufen“ zwingt?

Beachte bitte, dass ich hier noch nichts von Bann, der einem Todesurteil gleich kam spreche, den vielen Kriegen und weiterem mehr!

Diese Fünf Argumente sollten vor erst ausreichen, abschließend noch ein Gedanke: Frage dich: Wie würde eine „katholische“ Alternative aussehen? Einfach nur die Beichtkinder vertrösten? Gütig über Missstände hinwegsehen? Sich einfach über das eigene Gewissen hinwegsetzen, da der Papst nun mal wisse, wie er die Schrift auslegt?

Abschließendes Fazit:

Das oben erwähnte Zitat Hartls enttäuscht, da man von einem wissenschaftlich ausgebildeten Theologen mehr Professionalität im Umgang mit geschichtlichen Tatsachen erwarten möchte. Es scheint einfach, dass die Antwort bereits feststand, als dieser Satz geschrieben wurde. Das ist schade, stiftet sowas doch unnötig viel Unruhe unter Christen. Hartl weiß, dass er auch gerne von Protestanten gelesen wird, dass er seine Autorität nutzt, um Feuer und Spaltungen zu produzieren, beweist endgültig, dass er selber gegen seine These verstößt. Aber hier kommen wir zum entscheidenden: Nicht der gegen die Sünde vorgeht, spaltet die Gemeinde, sondern der sie zulässt. Der sich der Simonie hingebt, der Hurerei und Unzucht bis in die obersten Ämter hindurch duldet, zudeckt und kleinredet. Der in Sünde nicht die Rechtfertigung in Christus sucht, sonder in einer eitlen Selbstrechtfertigung. Somit sind nicht die Reformatoren die Spalter der Gemeinde, sondern ihre Widersacher!

P.S.:

Ich habe an Polemik nicht gespart! Man möge es mir verzeihen! Es hat mich ungemein geärgert, so viel Zeit investieren zu müssen, um diesem Zitat nachzugehen! Ich hielt sie zunächst für verlorene Zeit, da mich das nicht so sehr interessiert habe und ich mich für diese Veröffentlichung nur entschieden habe, weil offensichtlich Hartl viele „protestantische Gewissen“ bekümmert! Ich empfehle die Artikel von Peter Geerds zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Hartl!

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.