Unfähig oder Gleichgültig?

und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6,4–5 in Mark 12,30).

Um als Teen in den Gottesdienst zu kommen, musste ich einen ganz schön teuren Preis dafür zahlen. Man lehrte mich, dass ein „bibeltreuer“ Gottesdienst nur in einem 30 km entfernten Ort gewährleistet war. So wurde ich mit einem VW-Bulli zweimal in der Woche und zweimal sonntags von einem Prediger abgeholt, der noch einige weitere – vor allem ältere Menschen aus der Gegen einsammelte – und zum Gottesdienst brachte. Dadurch war ein beträchtlicher Teil meiner Kindheit davon geprägt, der Konversation von älteren Damen zu lauschen. Nun die Empörung wird natürlich groß sein, wenn ich jetzt erkläre, dass man wenig gescheites zu hören bekommen hat, aber so war es trotzdem!

Einen Punkt möchte ich besonders hervorheben. Recht häufig beklagte man sich über nachlassende Intellektuelle Kräfte, dass man kaum noch Kraft und Ressourcen zum Bibellesen fände, und die wenigen Kraftmomente wären durch Enkelkindbetreuung  und Haushalt verbraucht. Doch ich durfte immer wieder staunen, wie alle vergessenen Kräfte erwachten, wenn es um allerlei unterschiedliche Heilmittel ging, ein Thema, welches vor allem von einer Dame mit hingegebener Leidenschaft geführt wurde. Nie waren die Gespräche leidenschaftlicher und intensiver. als es um die neueste Entdeckung von Mittelchen, Rezepten und Kräutern ging. Bis heute könnte ich stundenlang über die Wunderwirkungen von Callisia fragrans reden. Bei entsprechender Witterung und Vollmond geerntet und in ausreichend Alkohol eingelegt hat es selbst Dutzenden Krebskranken, denen kein Arzt mehr helfen konnte, geholfen. Nun, jetzt könnte man meinen, dass ich nichts zu tun habe, als mich über ehrwürdige alte Kämpferinnen des Christlichen Glaubens auszulassen. Aber genau das ist doch meine Sorge, dass ich wenig zu hören bekommen habe von geistlichen Erfahrungen mit dem Herrn, von Trost in der Schrift.  (Vergleiche auch die Berufung älterer Frauen gemäß 1 Tim 5,2 oder Tit 2,3) Christentum war flop, aber Gesundheit war top. Ist es falsch, sich um seine Gesundheit zu kümmern? Wohl kaum!

Das ärgert mich, ja auch so viele Jahre später, viel weniger an diesen alten Schwestern, als an vielen anderen, die gerne auf Unfähigkeit verweisen, damit aber Gleichgültigkeit meinen. Dutzende Male erlebte ich „Handwerker“ und sogenannte „einfache Menschen“, die sogar sehr stolz darauf waren, dass sie  keine Theoretiker, sondern Praktiker waren. Selbst einfachste Glaubensfragen waren zu kompliziert, auch unnötiges Pfaffengeschwätz, und überhaupt man weiß genug, zu handeln. Aber frage so einen Handwerker nach irgendeinem Bodenbelag oder irgendetwas ähnlichem aus dem Hausbau aus. Du bekommst geradezu die ganze Kulturgeschichte von Bodenbelägen aufgesagt, samt einer Analyse unterschiedlichster Arten, dem Zweck derselbigen, dem günstigsten und dem besten Lieferanten, der besten Verlege-Art und der durchdachtesten Pflege. Untermalt werden diese sachlichen Darstellung durch verschiedenste Zeugnisse verschiedenster Erlebnisse, die man zu berichten hat.  Überall dürfen die Ansprüche also ja nicht hoch genug sein, außer es geht um Fragen des Glaubens, da darf man nie zu einfach genug bleiben, nie zu allgemein genug. Bis man so trivial wird, dass man sich zu Tode langweilt, und doch wieder lieber über seinen nächsten Bodenbelag nachdenkt. Ich könnte viele christlichen Jugendliche und Teenager auftreiben, die ohne weiteres sämtliche Spieler des FC Bayern auflisten können, ohne auch nur einen Psalm der Bibel auswendig zu kennen. Was geht hier schief?  Ist Fußball das Problem? Wohl kaum!

Neben dieser Prioritätenverschiebung beobachte ich auch eine Versteifung und übertriebene Beharrlichkeit auf dem, was man wisse. Neulich erklärte mich ein Mensch zu einem Ketzer und zu und einem Menschen der Spaltung anrichte, weil ich nicht bereit war zu bestätigen, dass man aus 2 Mo 20,26 auf den Verbot von Shorts schließen könne. Ich kenne einige Analphabeten, die völlig selbst verschuldet im Analphabetentum geendet sind, und dennoch völlig gewiss die haarstreubendsten Behauptungen aufstellen können. Manchmal liegt trotz Kirchgang, Bibel lesen und Gebet so wenig Wissen von Christus und seinem Werk vor, dass man sprachlos wird. Ich möchte hier keine Ansprüche hochschrauben, aber was ist von einem Glauben zu halten, der nichts von den dahinterliegenden Tatsachen hält?

Das größte Gebot ist klar, dass wir Gott von allen Kräften, Mitteln, nach allem Wissen, mit allen Emotionen und von ganzem Herzen und Wesen zu lieben haben. Wie oft versage ich hierin! Wie gut, dass wir als Christen die Möglichkeit zur Buße haben!

 

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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