Kein perfektes Leben – Gedanken zur Geburt meines 4ten Kindes

Prolog

Das Leben schreibt manchmal die abenteuerlichsten Geschichten. Am Dienstag vor einer Woche kam nun unsere zweite Tochter als viertes Kind der Familie zur Welt, und das durchaus unter spektakulären Bedingungen: Wir planten schon früh eine Hausgeburt unter der Betreuung zweier Hebammen, und bereiteten uns bereits früh darauf vor. Doch eine Geburt kann man kaum planen. Als die Wehen ansetzten, ging es plötzlich so schnell, dass die Hebamme nicht rechtzeitig vor Ort sein konnte. Ich musste also den Hebammendienst übernehmen und nach einigen Minuten hielt ich meine Tochter in den Armen. Doch die Frau verlor relativ viel Blut und wir zählten die Sekunden bis die Hebammen eintreffen, nun klingelt es an der Tür, doch wer steht davor? Natürlich, der Postbote, und während er mein mit Fruchtwasser und Blut beflecktes Shirt und meine mit Schweiß überlaufene Stirn betrachtet, frägt er kühl: „Gerade gezockt?“ – „Nein, vor ein paar Minuten ein Kind empfangen“ als Antwort, hält er da nur für einen unpassenden Witz. Kurz davor, versuche ich mehrfach verzweifelt bei den Hebammen durchzukommen. Und meine bis dahin gewahrte Ruhe ist plötzlich dahin: Das komplette Festnetz (ja Festnetz, nicht Mobilnetz) fiel aus. „Der Anruf kann zur Zeit nicht zugestellt werden“, spricht der weibliche Computer. Nun, es gibt Momente, an denen der ganze (verborgene) Dreck des Herzens an die Oberfläche kommt. Statt die Sache in die Hände Gottes fallen zu lassen, wurde ich unfassbar zornig. Ich fluchte schrecklich, wirklich, ich habe es selbst nicht von mir erwartet. Als könnte man durchs Ausflippen etwas retten. Dabei war das natürlich immer noch nur ein Teil der Geschichte: Zwei Tage vor der Geburt entdecken wir bei den Kindern Läuse, was viel Mühe und Kosten für die Behandlung bedeutet. Und natürlich kam das Kind genau an dem Tag zur Welt, als mich der Chef unbedingt auf der Arbeit haben wollte.

Nun, das Kind ist gesund und munter, und auch der Mutter geht es von Tag zu Tag besser. Die Möglichkeit die mir aber gegeben wurde, eine Geburt derart aktiv mitzuerleben, machte mir aber diesmal besonders intensiv deutlich, was für eine ungewöhnliche Sache, Neues Leben ist. Eigentlich ist es gerade so möglich, dass ein Kind überhaupt zur Welt kommen kann. Man denkt fast automatisch an 1 Mo. 3,16, an die Schmerzen der Geburt. Offensichtlich steckt in jeder Geburt auch der Schmerz des Messias drin(Vgl. insbesondere 1. Tim. 2,15 hierfür)

Überlegungen

Da ich nun einen Monat Elternzeit habe, kann man etwas nachdenken. Ein paar Gedanken im Sturzflug:

  • Der Wert häuslicher Arbeit: Ich koche durchaus gerne, aber irgendwie fehlt meinen Gerichten immer das gewisse Extra, das meine Frau diesem beiträgt. Mein ganzes Zeug schmeckt irgendwie fade. Und egal wie viel Mühe ich mir gebe die Küche aufzuräumen, irgendwie sah sie bei meiner Frau sauberer aus. Natürlich weiß ich, wie eine Waschmaschine funktioniert, aber fürs Bügeln brauche ich dreimal solang. Natürlich ist eine Hausfrau heute kaum etwas wert, trägt sie doch nichts zum Bruttosozialprodukt bei. Wie eine Farce gilt für mich (nun besonders) aber ein Vortrag, den ich zehn Tage auf einem „Jung-Verheirateten-Seminar“ in der Gemeinde hörte, zum Thema: „Balance zwischen Gemeinde, Familie und Arbeit“. Fazit des (übrigens kinderlosen) Lektors: Arbeit macht man nebenbei, ansonsten stecke man bitte alle Ressourcen in die Gemeinde (gemeint sind Chor, Kinderstunden, Baustelle…). Welche Verachtung vor dem täglichen Leben einer Familie. Ich bin empört!!! Prinzipiell halte ich die Arbeit meiner Frau für anspruchsvoller, als die Tätigkeit, der ich für Geld nachgehe. Das erleichtert die Bereitschaft täglich diesen „Arbeitsdienst“ für den Herrn zu tun (Kol 3,22; Eph 6,5). Diesen ganze Dualismus in „bezahlte Arbeit“, die unter dem Stichwort Karriere wunderbar vermarktet wird, und „das muss man halt machen“, halte ich für komplett falsch und lächerlich.
  • Die Einsamkeit einer (Groß-)Familie: Bereits seit den 70ern haben weniger als 10% der Familien in Deutschland 4 oder mehr Kinder. Mal wieder also lebe ich und meine Familie als Sonderling daher. Wenn man bedenkt, dass eine sozialdemokratische Partei mit dem Spruch „Mehr Zeit für Familien“ Werbung für Ganztagesbetreuung in Kitas und Co macht, weiß man welcher Wind uns noch entgegengehen wird. Selbst von meiner Mutter darf ich mir natürlich regelmäßig ausreichend Kritik anhören: Mehr als 2 Kinder sind einfach nicht kulturkonform.
  • Kein Platz für eine Familie: Ich komme aus einer Subkultur in der viele 4 oder mehr Kinder haben. Eigentlich ist es sogar so, dass Familienplanung nicht gern gesehen wird. Meine Frau und ich haben unsere Kinder gerne bekommen, unabhängig von irgendwelchen Gemeindestatuten. Doch das trennt gelegentlich auch von anderen Großfamilien. Schockierender finde ich, wie wenig Platz für Kinder vor allem in einheimischen Gemeinden ist. Kinder sind nie im Gottesdienst dabei, immer verbarrikadiert in Kinderkreisen und -programmen. Memmt mal ein Baby, drehen sich alle zornig um! So oft beobachtet, und jedesmal entsetzt gewesen. Wir freuen uns, hier ein bisschen zu einer gesunden Gegenkultur beizutragen.
  • Kampf um eine unabhängige Familie: Natürlich gibt es Angebote zur Hilfe. Doch hier gilt äußerste Obacht: Viele bitten Hilfe an, um Bindungen aufzubauen. So musste ich ein Angebot der Mutter und auch der Schwiegereltern für Hilfe bei der häuslichen Arbeit höflich ablehnen. Der Kampf um Unabhängigkeit ist etwas, was ich täglich intensiver spüre. Hier bin ich persönlich aber auch immer weniger Kompromissbereit.
  • Die Stärke einer Familie: Dieses vierte Kind und auch seine spektakuläre Geburt haben uns als Ehepaar näher zusammengebracht. Aber auch die Kinder wachsen zusammen. Mit jedem Tag erkennen wir neue Möglichkeiten wie wir uns gegenseitig dienen können. Die Geschwister lernen sehr viel von einander und ermutigen sich gegenseitig zum Fortschreiten. Das ist eine große Freude für uns Eltern
  • Die Zeit in einer Familie: Prinzipiell ist natürlich jedes Kind eine zusätzliche zeitliche Belastung. Ich ertappe mich dabei, dass ich einiges an „Leisure-Time“ dafür streichen musste. Bisher sind aber nur Zeiten gestrichen worden, die auf den Konsum von Filmen, Comics und Videospielen draufgingen. Somit ein Tausch, der es wert ist. Prinzipiell erwische ich mich regelmäßig dabei, dass ich „abwesend bin“. Mit Kindern musst du aber immer da sein, und nicht in den Gedanken beim nächsten Blog-Artikel sein.

Epilog

Insgesamt dominiert das Gefühl einer gewissen Erleichterung darüber, dass man kein perfektes Leben führen muss. Mit vier Kindern geht regelmäßig etwas kaputt, lauern überall Krankheiten (und Läuse) und man ist schnell das Gespött im Dorf („Kein Wunder macht er die Außenanlage nicht fertig, wenn er nicht mal weiß, wie man verhütet“). Immer mehr empfinde ich das als Erlösung nicht einer Illusion nach Perfektion nachjagen zu müssen, sondern dem Willen und der Ehre Gottes.

Ich habe mir überlegt, wo wir als Familie Kurskorrektur benötigen. Meine Überlegungen:

  • Zeiten der Stille suchen: Weniger von einer Veranstaltung zur nächsten Hetzen, nicht jede AG, Bastelgruppe und Werksgruppe für die Kinder ausbuchen
  • Zeiten des Gesprächs suchen: die Kinder gezielt auf ihre Erlebnisse und Überlegungen und Erfahrungen anzusprechen
  • Zeiten für den Einzelnen suchen: Gezielt möchte ich probieren mit jeweils nur einem Kind gemäß seinen Stärken und Schwächen Gespräche und Unternehmungen durchzuführen.

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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