Wo sind nur unsere Liedermacher hin?

Ein Sänger der aus meiner Spotify Favoritenliste zunehmend verschwindet ist Reinhard Mey. Ich fürchte „die Welt“ bezeichnete bereits 2005 Mey zurecht als einen Klassensprecher der müden Rebellen. Ohne von einem Künstler zu viel zu verlangen, merke ich doch, dass den Künstlern unserer Zeit der Stoff ausgeht. Ein Bejahen der Gegenwartskultur als Beste aller möglichen Zeiten mag nun schön in den Ohren klingen, von Kreativität ist das aber zumeist weit weg. Bedenke wie tragisch: Eine Zeit, die nicht mehr Buße tun will (und kann?). Vielleicht noch müder ist die österreichische Band EAV (Erste allgemeine Verunsicherung) geworden: Bashing gegen Rechte ist doch langweilig, wenn es nur noch ein paar kleine Prozentchen trifft, die gesellschaftlich nicht im mindesten relevant sind. Nun gehören also auch die rebellischsten Sänger zum Establishment. Wende man nun ein, die Rebellen seien nun mal gereift, wird nur die Tatsache um so tragischer, dass keinerlei Junges Blut nachfolgt.Dass Kritiker und Hofnarren oft nur Teil des Establishments sind, stellte ich einmal schockiert an Witzen von Didi Hallervorden fest. Irgendwo in Youtube lassen sich Witze von ihm aus den 70ern finden, in denen er nur so über Homosexuelle abzieht. Der Hallervorden der Neuzeit macht nun Witze über die engstirnigen (will nicht sagen Christen), die so intolerant sind, Homosexuelle nicht akzeptieren zu können. Perfektes Beispiel säkularer Buße? (Nebenbei gesagt, schon mal festgestellt, wie viele Komödien der Neunziger und der „Nuller“ so unfassbar sexistisch sind? Damals lachte man noch über sie….)

Langeweile dominiert offensichtlich die Kunstwelt? Zum Glück habe ich nicht über die noch größere Leere der Pop- oder der Schlagermusik nachgedacht. Ironischerweise erlebe ich ähnliches in den Kirchen: Wo erlebt man denn noch „Musik, von Hand gemacht“. (Halb?)-Professionelle Animatoren übernehmen begehrlich (für mich) den Lobpreis und singen die besten Lieder . „Press to Play“! Zudem verschwinden alte Liederbücher schneller, als neue mit Inhalt gefüllt werden.Klar hatten die alten Lieder langweilige Melodien, aber sie hatten wundervolle Texte! Geblieben sind oftmals (aber nicht immer! Es wäre allzu närrisch eine Kultur einer anderen so blind vorzuziehen) nichtssagende Texte, die eine unpersönliche Liebe preisen. Ob das reicht? Das motiviert mich, den größten aller „Liedermacher“ vorzustellen: Владимир Высоцкий, Vladimir Wysotsky.

Wysotsky auf einer russischen Briefmarke des Jahres 1999 (Bildrechte:lizenzfrei)

Frage ruhig jeden beliebigen Russlanddeutschen in deiner Fabrik(ok, älter als 35 müsste er schon sein) nach diesem Sänger und er wird dir eine Story über ihn erzählen können. Obwohl ich seit meinem achten Lebensjahr meinen Vater nicht mehr getroffen habe, kann ich mich immer noch an die Begeisterung in seinen Augen erinnern, wenn er von ihm sprach. Dieser Mann ist eine Legende! So wie jeder Russe, verstarb er früh, mit bereits 42 Jahren. Das bewahrte ihn möglicherweise davor, langweilig zu werden. Ob man in der Sowjetunion, also einem Land, in dem jegliches private Leben unterdrückt wurde, überhaupt noch Teil des Mainstreams werden konnte? Ich denke der sowjetische Sozialismus lebte das tragisch zu Ende aus, was der Mainstream-Europäer als ein hehres Ideal vor Augen hat: Eine pluralistische Einheit! Ein Ideal der Leugnung jeglicher Ideale des Bürgertums! Welche Hoffnungslosigkeit?

Nun, Wysotsky schien das wenig zu kümmern. Seine Lieder kritisieren den sowjetischen Antisemitismus genauso wie seine Bürokratie. Viele klassische Gedichte und russische Sagen werden parodiert. Geradezu tiefgründig wird Wysotsky wenn er über den Krieg sing. Man könnte meinen, er wäre am „Großen Vaterländischen Krieg“ beteiligt gewesen, obwohl er erst 1938 das Licht der Welt erblickt. Offensichtlich hatte er ein Auge für die Anliegen seiner Zuhörer. Am Schlimmsten schneidet aber der sowjetische Kleinbürger ab: Seine Sucht nach Gerüchten, seine ständige Furcht und Unsicherheit, was für eine beeindruckende Menschenkenntnis. Der Sowjetische Sport und seine Medien kriegen ebenfalls ihren Fett ab: Über diese Sportarten gibt es mindestens einen Song: Schachsport (Fiktiv tritt er gegen Bobby Fischer an), Boxen, Eishockey, Sprint, Marathonlauf und der Hochsprung. Es gibt mindestens drei unterschiedliche Lieder über den Besuch der „Banja“. Als Sean Connery, der Bond-Darsteller Moskau besucht, singt Wysotsky vergnügt darüber, dass ihn einfach keiner kennt. Im Grunde ist sein Werk kaum zu überschauen, diese Webseite führt einen beachtlichen Teil seiner Lieder: http://www.wysotsky.com/. Man beachte, dass seine Lieder sogar in das Arabische, bretonische und Burgundische übersetzt wurden. Auf Deutsch führt diese Webseite über 870 Lieder. Auch Youtube hat einen Wysotsky-Channel: Ein Sänger, Ein Name, zwanzig deutsche Transliterationen. Da seine Lieder nicht im Sinne der Partei sind, kämpft er nicht nur ums finanzielle Überleben sondern zunehmend mit Alkohol und Drogen, an denen er schließlich verstirbt. Geradezu bizarr erscheint es in diesem Zusammenhang, dass Wysotsky kurz vor dem Tod sogar die USA besuchen kann (Im Rahmen einer „scheinbaren“ Liberalisierung kurz vor den olympischen Spielen 1980)

Ist Wysotsky nun ein Held? Aus der Sicht eines Christen kaum: Regelmäßig gerät auch die Kirche und der Glaube in die Kritik. In einem Song spottet er über Maria und Josef an der Krippe. Eher an die Substanz dringt er in seinem „Zigeunerlied„, einem seiner bekanntesten Lieder durch: „In der Kirche herrscht ein Gestank und Zwielicht, Diakone rauchen Weihrauch. Nein, In der Kirche ist es auch nicht besser, Alles ist nicht so, wie es sein soll!“. Zu recht beklagt er die Trägheit der russisch orthodoxen Kirche sich zu reformieren und völlig unvorbereitet auf den Kommunismus zuzulaufen. Entsprechend hat sie diesem auch nichts entgegen zu bieten.

Warum so ein Artikel? Mindestens vier Gründe: Zuerst beklage ich eine Zeit ohne Liedermacher! Wie schrecklich ist es, wenn das Volk nicht mehr singen kann. Zudem stelle ich fest: Geschichte ist spannend, auch Kulturgeschichte. Zunehmend wird mir bewusst, wie jedes Menschenleben Teil eines weltweiten Schauspiels ist. Vysotsky bemühte sich seine Zeit zu verstehen, eine Zeit in einem Land, dass sich vollständig als Antitypos westlicher Kultur definierte. Drittens sehr persönlich: Mit dreißig hat man wohl noch Träume und ich träume, nein vielmehr bete darum mit zunehmenden Alter nicht zu einem mitlaufenden Langweiler zu werden. Hier sehe ich die Vielfalt der Texte Wysotskys als eine Motivation.

Schließlich aber hoffe ich heimlich auch Christliche Liedermacher zu motivieren, Musik mit Inhalt zu produzieren!

Einige Songs von Wysotsky zum Nachlesen (nicht jede Übersetzung ist wirklich gut gelungen):

Schreib dich nicht ab, lerne russisch!

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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