Für wen ist das Evangelium?

Sicherlich der schärfste Konfliktpunkt mit meiner religiösen Peergroup ist die Frage nach der Reichweite des Evangeliums. Klingt doch nach einer einfachen Frage, da kann man kaum unterschiedlicher Meinung sein, oder? Nun…

Bewahrung kann man nicht von Errettung trennen

Vielleicht kann ich das Problem am besten so beschreiben: Die ersten Jahre meines Glaubenslebens verbrachte ich in schrecklicher Angst vor der Wiederkunft Christi. Ich meine, ich war einfach nie bereit. Weder war (und ist!) meine Einstellung wirklich „100% geistlich“, noch meine Motive „vollständig rein“, und überall sehe ich (und sah) Sünde, Faulheit, Gier, Neid, Unzufriedenheit und vor allem Verstoß gegen das erste und größte Gebot: die Völlige Liebe gegenüber Gott. Zunächst hielt ich mich für den einzigen Versager, bis ich ganzen Horden Christen in ähnlicher Angst begegnete. „Nicht nur sauber, sondern rein“ fühlte man sich eigentlich nur nach Phasen intensiver Buße. Von der ursprünglich versprochenen Freude an der Errettung keine Spur, wie sehr man sich auch anstrengte.

Was ist das Problem dabei? Dabei wurde das Evangelium doch regelmäßig (vor allem beim Abendmahl) in klarer Form verkündigt: Egal was für ein Hoffnungsloser und Verlorener Sohn du bist, der Vater wartet auf dich, um dich mit offenen Armen zu empfangen.

Nun, was bei den hoffnungslosen Horden ankam, war: Diese Botschaft gilt für die „Ungläubigen“ und „Unbekehrten“. Freie Gnade wurde jedem Ungläubigen verkündigt und kaum eine Wahrheit würde mit mehr Vehemenz verteidigt werden, als dass Errettung aus Gnade geschieht. Ganz kurz zusammengefasst: Für ein einzelnes punktuelles Ereignis bekommst du freie Gnade. Nun bist du gerechtfertigt und ein Kind Gottes. Doch nun kommt es auf dich und deine Treue an! Und wehe dir, wenn du abgelenkt bist, dann holt dich Jesus nicht ab während der Entrückung. Irgendwie wurde vorausgesetzt, dass man zwar aus Gnade selig wird, aber aus eigener Heiligung selig bleibt.

Ich finde das eine sehr Trennung zwischen Errettung und Bewahrung, oder wenn du es so haben willst, zwischen Rechtfertigung und Heiligung. Wohl kann man dies unterscheiden, aber niemals klinisch trennen.Doch zunächst möchte ich auf einige der vielen Bibelstellen hinweisen, die hier auf den ersten Blick genau das zu behaupten scheinen:

„In dem allen seid ihr auch gewandelt“ schreibt Paulus an die Kolosser (Kol. 3,7 vgl. auch Eph. 2,2), und vergleicht die Kolosser mit ihrem früheren Wandel in Unzucht, Unreinheit und Gier. Zudem schrieb er kurz davor: „Ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen in Gott“ (Kol 3,3) und schließlich eben: „Denn aus Gnaden seid ihr selig geworden“ (Eph 2,8 nach Lut 1912 nicht so in der neuen Luther). Eben: Geworden! Aber wie ich selig bleibe, nun nur in Furcht in Zittern (Phil. 2,12)

DAs Evangelium ist für die Gemeinde

Vielleicht kann ich das noch einmal illustrieren. Lange Zeit besuchte ich die Gemeinde als „Unbekehrter“. Soll ich dir sagen, was die Leute mir die ganze Zeit erklärten? Das Evangelium! „Weißt du etwa nicht, wie sehr Jesus dich liebt?“, „Willst du seine Liebe in aller Ewigkeit abschlagen?“ war die permanente Botschaft.

Als ich nach meiner „Bekehrung“ (Die Gänsefüßchen sind deswegen gesetzt, weil ich nachträglich betrachtet, meine Bekehrung deutlich früher ansetzen würde) mich endlich überwand über obiges Problem der fehlenden Heilssicherheit mit einigen zu sprechen, erzählte mir überhaupt niemand mehr vom Evangelium und der Liebe Jesu. Die Antwort bestand immer aus Methoden! „Achte auf die stille Zeit“, „Hör auf dich mit weltlichen Freunden zu treffen“, „Faste auch mal“ und die weiteren Appelle an die eigene Heiligung. Dabei war ich damals wirklich radikal. Ich fastete mindestens zweimal in der Woche, las alle zwei Monate des Neue Testament durch und führte ein nahezu klösterliches Leben was die Abstinenz von Bekanntschaften angeht. Die Methode ist einfach die falsche Antwort.

Ich möchte hier niemanden einen Vorwurf machen, war es schließlich auch die Antwort, die ich mir selbst gab: Ich muss es härter versuchen!

Stück für Stück öffnete Gott mir die Augen. Ich weiß, wie intensiv ich mit der Frage ringte ob wir aus Gnade nur selig werden oder auch bleiben. Was mich schließlich überführte war die Argumentation von Paulus in Gal. 3,1-3, vor allem der dritte Vers: „Im Geist habt ihr angefangen und wollt es nun im Fleisch vollenden“

Ohne das ausführlicher ausführen zu wollen, ist mir so langsam das Licht aufgegangen, dass das Evangelium gerade für die Gemeinde ist. Natürlich, deswegen brechen ja die Jünger das Brot und verkündigen dabei nichts anderes als Christi Sühnetod und seine Auferstehung. Das Evangelium ist die Gemeinde. Christen bezeugen damit permanent, dass sie nicht anders als im (oder aus dem) Evangelium leben können. Sie müssen permanent begnadigt werden, und deswegen ist das Jesu Blut so mächtig und wirkungsvoll, weil es diesem heftigen Anspruch gerecht wird: Ein für alle mal reinigt es den Sünder!

Andere Nebenwirkungen

Was bei mir und vielen zur Verzweiflung führte, brachte bei einem beachtlichen Teil der Menschen eine ganz andere Frucht, die eben die ganze Situation zusätzlich verschärfte und kaum durchschaubar machte. Etwa genauso viele (eher eine wachsende Gruppe) gehen mit diesem Dualismus zwischen Errettung und Bewahrung ganz locker um: Immer wieder bin ich erstaunt, Christen anzutreffen, die völlig überzeugt sind, dass sie den Ansprüchen Gottes genügen. Sie behaupten völlig frei von Gier, Geiz und Neid zu sein. Ihr Leben ist geprägt von Dankbarkeit. Und klar ist ihre Liebe nicht vollkommen aber doch ganz und rein (wie auch immer das geht). Heiligung brauchen diese Leute nur noch in ein paar Details, sprich eigentlich gar nicht mehr. Ich habe wirklich fast ein Jahrzehnt meines Christenlebens gebraucht um die Heuchelei in diesem Denken zu durchschauen. Stellt euch mal vor, wie schrecklich ein Christusloses Christentum sein mag? Selbstzufriedenheit als Weg zum Heil? Weiter weg kann man wohl kaum vom Kreuz Christi enden!!!

Doch ich habe die definitive Widerlegung für diesen Irrtum: Das Problem dieser Heiligung des Fleisches (entgegen Gal 3,3) ist, dass es von sich beansprucht, von Glaubensschritt zu Glaubensschritt oder von Tag zu Tag immer weniger auf Christus angewiesen zu sein. Am Anfang, als man „nicht wiedergeboren“ war, brauchte man Jesus 100 Prozent, nun gilt es an eigenen Beinen zu gehen. Und eigentlich ist das Ideal dieser Menschen, eine völlige Heiligung, ein Leben in dem man zu 0 Prozent an das Werk Christi angewiesen ist. Als ich dieses Problem erkannte, atmete ich befreit auf, dass ich als armer Sünder Jesus und sein Werk von Tag zu Tag immer dringender brauche. Und er erweist sich als ein überreicher Vater, der SEINE Gemeinde mit mächtigen Geschenken überhäuft

In Kürze andere Nebenwirkungen:

  • Die Behauptung der alte Adam schafft die Latte der Gesetze Gottes reduziert die Heiligkeit Gottes
  • Zudem reduziert sie die Sicht auf Sünde. Am Besten daran sichtbar, dass man über Nebensächlichkeiten so redet, als wären es die letzten Dinge, die den Christen vor der Vollkommenheit abhalten, wie Sitzordnungen in der Gemeinde, Haartracht, Kleidersitten
  • Stolz oder Verzweiflung

Ursachen

Eine Diagnose versucht auch die Ursachen zu finden. Ich meine mehrere erkennen zu können:

  • Ein sehr strenger Biblizismus: Man liest die Botschaft der Bibel nie als ein großes Ganzes, sondern ist immer auf der Suche nach einem Beweistext. Sehr heilsam erwies sich für mich hier das Fach der „Biblischen Theologie“, Stichwort Bundestheologie
  • Eine Betonung auf Evangelisation: Ich will die Segnungen der weltweiten Evangelisation vor allem der letzten zwei Jahrhunderte in keiner Weise schmälern, zu bemerken ist dennoch, dass man mit diesem Stichwort auch immer mehr den Gedanken verband, das Evangelium ist eigentlich nur was für den „Ungläubigen“. Mehrfach machte ich das Experiment, dass Gemeindeglieder weniger aufmerksam zuhören, wenn „eine evangelistische Botschaft“ kommt, denn diese ist ja, für „die da draußen“.
  • Ein eher wenig fordernder Moralismus ist weniger „blutig“ und entsprechend weniger fordernd, und oft auch sehr beliebt zu hören.
  • Schließlich aber ist man auch dogmatisch gefangen. „Die Bewahrung als Werk der Gnade Gottes“ riecht deutlich calvinistisch und wird so schon von vornherein abgelehnt.

FAQ: WAs ist denn nun mit den Bibelstellen?

Wie können wir nun Stellen wie Kol 3,6ff oder Eph 2,1ff verstehen?

Ein kurzer Blogartikel kann natürlich eine saubere Exegese niemals ersetzen, dennoch diese Überlegungen:

  • Es gibt einen Zeitpunkt in dem wir gerechtfertigt werden (Ereignis), dennoch lebt ein Christ immer gerechtfertigt (Zustand), hier hat eigenes Tun nichts zu suchen, niemals könnte eine menschliche Tat den Zustand der Rechtfertigung bewahren.
  • Ein Bruder erklärt es gerne so: Es gibt einen Tag an dem ich geboren wurde, so gibt es auch einen Tag an dem ein Christ neugeboren wird. Somit ist ein Kontrast zu einem alten Leben schon dadurch gegeben, dass er eine neue Kreatur ist. Nun fängt ein wohl hartes Pilgerleben eines beharrlichen Kampfes gegen das Fleisch an, aber nicht ein Kampf darum sich die Gunst des Herrn zu erwirken. Weil wir dank Christi unter der Gunst Gottes stehen kämpfen wir aus Dankbarkeit „unter seinem Banner“

Der Heidelberger bringt das wunderbar auf den Punkt:

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“

Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland 
Jesus Christus gehöre.

Er hat mit seinem teuren Blut 
für alle meine Sünden vollkommen bezahlt 
und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst;
und er bewahrt mich so, 
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel 
kein Haar von meinem Haupt kann fallen, 
ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.

Darum macht er mich auch 
durch seinen Heiligen Geist 
des ewigen Lebens gewiss 
und von Herzen willig und bereit, 
ihm forthin zu leben.

Vergleiche auch: Jerry Bridges, Was ist Gnade?

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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