Der unsichtbare Dritte im Tempel

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Selten wird die Zielgruppe bei einem Gleichnis Jesu so klar angegeben, wie bei der Erzählung über den Pharisäer und dem Zöllner im Tempel (Luk 18,9-9). „Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern“, Jesus erzählte nun, wie ein Pharisäer mutig betete und seine Gerechtigkeit vor Gott bekannte. Abseits stand ein Zöllner. Überwältigt von seinen Sünden wagte er nicht einmal seine Augen empor zu heben. Verzweifelt ruft er aus: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ und geht daraufhin gerechtfertigt in sein Haus. Kaum ein Gleichnis wird häufiger besprochen und doch habe ich den Verdacht, dass wir uns allzu gerne eine dritte Person im Tempel wünschen würden, eine Art Über-Pharisäer.

Diagnose

Was mich so skeptisch macht, ist die allzu populäre Darstellung des Gleichnisses, als würde der durchschnittliche Evangelikale des 21ten Jahrhunderts irgendwo als stiller Beobachter dastehen. Sehr kritisch schaut er auf den Pharisäer, diesen Gesetzlichen Heuchler, der auf seine Selbstgerechtigkeit baut, als wüsste er nicht, wie er sich im Hause Gottes zu benehmen habe. Die Stimme um eine kleine Terz gesenkt, im frommen Ton wird gesprochen, leicht geknickt gewandelt. Aber schaut euch diesen Pharisäer bloß an, diesen Hochmütigen Heuchler, statt die „Gnade Christi anzunehmen“, steht er erhobenen Hauptes da!

Gleichzeitig verachtet man den Zöllner gleichermaßen. Schon wieder hatte dieser Typ seine Gier nach Geld nicht im Griff . Immerhin kommt er in den Tempel. Aber muss diese weinerliche Miene und dieser Selbstzweifel denn wirklich ständig sein! Er muss es einfach härter versuchen! Ich kriege es schließlich ja auch hin, meinem Nächsten kein Geld aus der Tasche zu ziehen.

Man möchte beim Hören fast ausrufen:“Wären doch beide, sowohl der Pharisäer, wie auch der Zöllner mehr wie Leute meines Schlages! „

Falls jemand denkt, dass ich hier unnötig dick auftrage. Ich fürchte kaum. So durfte ich einmal völlig entsetzt eine Auslegung zu diesem Gleichnis hören, die das Verhalten des Pharisäers als ein erstrebenswertes Ziel lobte. Begründung: Im Vergleich zum Zöllner braucht er keine Rechtfertigung mehr. Er kriecht nicht in Selbsthass vor Gott umher! Diese Botschaft erschall in einer Freien Gemeinde! Wenn ich etwas wirklich fürchte, dann sind es Christen, die der Buße nicht mehr bedürftig sein wollen…

Aber auch wenn die Darstellung eher selten solch bizarre Züge annimmt, so bleibt die Vision in etwa diese: Der Zöllner geht in den Tempel, erlebt eine persönliche Kriese, durchwandert eine spontane 180°-Wende und ist nun heiliger als jeder Pharisäer. Nicht nur, dass er diese Heiligung durch Christus vor dem Vater habe. Sondern intrinsisch, in sich selbst wohnend. Geradezu sehnsüchtig erwartet man, dass Jesus dieses Gleichnis weitererzählt und am Nächsten Sonntag ein beinahe vollkommener Zöllner im Tempel steht, der Gott dafür lobt, dass er nicht so hochmütig ist wie der Pharisäer, dass er doch Buße tun konnte und nun deutlich besser fastet und deutlich besser die Kräuter verzehntet. Oder (evangelikaler): Sich mit aller Macht und Entschlossenheit von allem „Weltlichem“ enthält. Mit einer Effizienz und Beharrlichkeit, von der jeder Pharisäer was abschneiden könnte.

Kierkegaard kommt zu einer ähnlichen Diagnose:

„Aber es gibt ja auch eine andre Art Heuchelei; Heuchler, die dem Pharisäer gleichen, während sie den Zöllner zum Vorbild wählen, Heuchler die nach dem Wort der Schrift über die Pharisäer: „sich selbst vermessen, daß sie fromm seien und die Andern verachten“, während sie sich doch das Aussehen des Zöllners geben, scheinheilig weit entfernt stehen, nicht wie der Pharisäer, der stolz dastand; die scheinheilig das Auge zur Erde senken, nicht wie der Pharisäer, der stolz den Blick zum Himmel erhob; die scheinheilig seufzen „Gott sei mir Sünder gnädig“, nicht wie der Pharisäer, der stolz Gott dankte, daß er gerecht sei; es gibt Heuchler, die scheinheilig sagen: ich danke Dir Gott, daß ich nicht bin wie dieser Pharisäer, gleichwie der Pharisäer Gott spottend sagte in seinem Gebet „ich danke Dir Gott, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner.““ (S.A. Kierkegaard: Der gerechtfertigte Zöllner)

Therapie

Unser Ideal ist also ein Über-Pharisäer. War das nicht sogar die Botschaft Jesu selbst. Er sagte schließlich selbst: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Matth. 5,20)

Im Grunde also ein Mensch, der fastet, alles penibel verzehntet und dabei gleichzeitig auch noch total demütig und bußfertig bleibt. Ich garantiere dir: So ein Mensch ist nicht real. Wir lesen nicht einmal im Evangelium von diesem „unsichtbaren dritten Übermenschen“.

Wobei, halt! eine Option würde mir einfallen. Ein Mensch, der sanftmütig und von Herzen demütig ist. Zudem Gott immer von ganzem Herzen, von ganzem Verstand und von ganzem Willen liebt. Selbst als es einen schweren Weg ging und jeder rief: So ein Los trifft nur einen Gottlosen! Selbst am Tode am Kreuz hielt seine Gewissheit und sein Trost nur an den Geboten und der Gemeinschaft Gottes.

Wenn du es so möchtest: Jesus ist dieser „unsichtbare Dritte“ im Tempel. Dieser Ideal Mensch, dieser Mensch, dessen Gerechtigkeit höher ist, als die aller Pharisäer gemeinsam ist. Ich denke Christi Heiligkeit hatte der Zöllner vor Augen, als er merkte wie „vergebungsbedürftig“ er ist! Und dieses Bewusstsein bewirkte Buße zur Gerechtigkeit in seinem Leben.

Stehst du noch oder rufst du schon zu Gott? Anders ausgedrückt: Gnade ist, wenn aus einem Zöllner kein Pharisäer wird!

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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