Pauli goes to (1)… „Evangelischer Bibelkreis“

Es wird Zeit für eine neue Kolumne. Unter dem Reiter „Pauli goes to“ will ich meinen Besuch bei recht ungewöhlichen (zumindest für mich) religösen Veranstaltungen beschreiben. Mit dem Titel hoffe ich auch ausreichend Selbstironie zu besitzen.

Froh darf ich verkündigen, dass der erste Beitrag in dieser Serie einer Veranstaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland geweiht ist!

Intro

Zunächst: Da ich wie immer, mit meiner Kritik nicht sparsam umgehen werde, könnte mancher Leser versucht sein, den „Tatort“ identifizieren zu wollen. Ich kann versichern, dass es keiner der Bibelkreise in meiner unmittelbaren Umgebung ist. Dennoch war mein Besuch genau aus diesem Grund motiviert. Seit ich im Frühjahr dieses Jahr eine fromme und „evangeliumssüchtige“ Familie (die unserer Familie ein großes Vorbild ist) in einem katholischen Milieu kennen lernen durfte, würde ich mir gerne Gemeinschaft mit Christen auch in meinem Dorf wünschen. So verteilte ich Flyer mit Einladungen zu einem Hauskreis. Jedoch verstehe ich, dass für Lang eingesessene Dorfbewohner bereits mein Vorname Schrecken hervorrufen dürfte. So suchte ich nach Pilotprojekten und wurde auf einen „Bibelkreis“ (so die Eigenbezeichnung) einige Örter weiter aufmerksam.

Unter den Talaren steckt der…

Nun, so stolperte ich also in die Gemeinschaft von 4 Frauen und 3 Männern hinein, die sich einmal im Monat zum Bibellesen treffen. Geleitet wird dies von einem Pfarrer, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Betrachtet wurde übrigens der Hebräerbrief, Kapitel 9. Wunderbar dachte ich mir, kaum ein Kapitel, dass mir lieber sein könnte.

Und was soll ich sagen: Natürlich hat der Pfarrer eine hervorragende Exegese gestartet. 40 Jahre pastorale Erfahrung schärfen Rhetorik und Argumentationsfähigkeit. Was mich dennoch fasziniert hat, ist das Tempo, mit dem alle populären Ketzereien verkündigt wurden. Na gut, so populär sind sie auch nicht mehr. Und klangen irgendwie so müffig nach 70er- Jahre. Doch eins nach dem anderen…

Pazifismus oder Sozinianismus

Hebräer 9 vergleicht das Opfer Jesu mit den alttestamentlichen Opfern! „So viel Blut“ rief der Pfarrer aus. Warum kann Gott nicht ohne Blut vergeben? Obwohl er diesen Punkt, nicht in aller Deutlichkeit formulierte, liefen Seine Thesen schließlich darauf hinaus, dass ein gnädiger Gott eigentlich kein Blutvergießen braucht. Damit vertrat der Pfarrer eine sozinianische These: Warum muss Gottes Sohn eine Sünde sühnen, wenn der Vater diese Sünde auch so gnädiglich vergibt? Wie sollte hier dem Pfarrer der Weg zurück zur Schrift gelingen: Er verwies uns alle auf „das ein für alle Mal“ von Jesu Opfertat. Somit sind alle Christen natürlich Pazifisten. Und sehr tiefgründig lehnte er das Verhalten aller Pfarrer des Ortes und der Nachbarorte während des dritten Reiches ab. Diese beteten sogar für den Endsieg. Dabei sind wir zu Pazifisten aufgerufen. Ich wendete kurz ein, dass Pazifismus oft auch kulturzerstörend ist, vergaß aber meine typisch polemische Art. Besser wäre es gewesen, den Pfarrer zu fragen, ob sein Bekenntnis zum Pazifismus ihn auch bewegt, wenn es um die hilflosesten aller Geschöpfe geht: das ungeborene Leben. Mit seinen weitschweifenden Ausführungen zum Pazifismus vertrat der Pastor eine ganz typisch These der EKD in unserer Zeit. Jedoch, wenn es um Abtreibungen geht, werden auch hier die Pfarrers gerne sehr schnell still…

Der Hebräische Super-Erdling

Was das alles genau mit Hebr. 9 zu tun hat, erschließt sich mir auch noch nicht, aber der Pfarrer machte unbeirrt weiter. So wie ich das nachträglich verstehe, wollte er deutlich machen, wo für ihn unverhandelbare Grenzen sind.

Der erste Punkt war: Gott ist Super gnädig! Er vergibt, weil Er vergeben muss!

Der zweite Punkt hängt in der Tat damit zusammen: Warum sollte der Mensch überhaupt Vergebung suchen? Und somit griff der Pfarrer zu meiner Überraschung auch die (Zitat) „katholische Lehre der Erbsünde“ an. Dabei betonte er vorher die ökumenische Gemeinschaft der Christen. Spannend. Statt auf das böse im Menschen zu sehen, sollten wir lieber das Ebenbild Gottes in uns entdecken. Und selbst wenn wir fallen, lernen wir ja daraus, Gutes vom Bösen zu unterscheiden.

Der zweite Punkt also: Gott ist gnädig zu einem guten Menschen. Niemals wäre Gott so ein Schurke gewesen, ein gefallenes Geschöpf zu schaffen!

Was damit zusammenhängt ist natürlich: Den historischen Adam kannst du vergessen. Nicht umsonst bedeutet „Adam“ = „Erdling“. Somit ist ein psychologisches Model gemeint. Jeder von uns ist ein Erdling, ein Adam, ein jeder macht seinen ganz persönlichen Fall durch. Somit muss jeder sich auch vergeben lassen/sich vergeben. Ich fand es schon fast belustigend, dass dieses psychologisierte Model Adams immer noch verbreitet ist. Lag es an der ländlichen Gegend, oder daran, dass der Pfarrer über 60 war?

Universalismus

Bisher lief das Programm eigentlich genau wie erwartet ab. Was mich doch verwundert hat, war die sehr bestimmte und klare Hinwendung des Pfarrers zum Universalismus. Und das unter Zustimmung der Zuhörerschaft. „Ein für allemal“–> Wir sollen doch bitte Gottes Gnadenwerk nicht kleiner machen als es ist! Gott ist so groß, da wird er sich doch nicht so nachtragend gegenüber seinen Geschöpfen verhalten. Das Problem der Schuld hat Gott mit seinem Sohn geklärt! Auf die Frage, dass er damit auch den ersten christlichen Glaubensbekenntnissen widerspricht („Ich glaube …an das Gericht“), kam natürlich das erwartete Gegenargument, dass man erst klären müsste, was Gottes Gericht ist. Nun ja, der Pfarrer weiß es wohl.

Analyse

a) Ich mache drei Ketzereien aus: 1) Neubelegung des Begriffs der Sühne nach sozinianischer Lesart; 2) Ablehnung der Erbsünde; 3) Universalismus. Elegant garniert mit einer starken Betonung des Freien Willens, des Pazifismus und der „persönlichen religiösen Erfahrung“.

b) Ist dennoch Gemeinschaft möglich? Ich muss dem Pfarrer hoch anrechnen, dass er auf anti-evangelikale Polemik verzichtet hat! Er verhielt sich wirklich freundlich und ging fair auf meine Fragen ein. Dennoch war klar: Wenn ich nicht den Universalismus vertrete, schmälere ich aus seiner Sicht das Werk und die Gnade Gottes!

–> Es wird gerne darüber geredet, dass wir nicht streiten sollen, sondern jede religiöse Regung in unserem Gegenüber frenetisch feiern sollten. Nur: Genau das macht ja der Pfarrer mir gegenüber nicht. So lange ich den Universalismus ablehne, irre ich und unterschätze das Werk und die Liebe Gottes! Ich darf ja gerne so denken, aber es stimmt einfach nicht!Somit habe ich die Wahl: Seine Variante stehen zu lassen oder zu schweigen! Wer hier wohl die großartige ökumenische Einheit spaltet? hmm…

c) Die Argumente des Pfarrers enttarnen unsere scheinbare Moralität ! Der Pfarrer wusste ganz genau wie er argumentieren musste. Er redete nicht ein bisschen von rationalistischen und psychologischen Modellen! Seine These ist: „Das Werk Christi ist gigantisch! Die Liebe Gottes ist riesig!“ Damit lässt sich dem Evangelikalismus schnell die Luft nehmen! Ein Beispiel: Als der Pfarrer seinen Universalismus vertrat, wendete eine der anwesenden Damen wohl wissend ein: „Jawohl, so muss es sein! Denn schau, Gott hat ja auch Gnade mit den Menschen, die noch nie was von Christus gehört haben, auch diese müssen irgendwie versöhnt werden“ Diese Anspielung an Röm 2,26-27 habe ich bisher so oft im evangelikalen Kontext gehört. Problem daran: Sie liefert Versöhnung am Kreuz Christi vorbei! Oder nehmen wir das Beispiel von der Erbsünde. Ehrlich gesagt, war der Pfarrer aufrichtiger! Denn oftmals wird die totale Verderbtheit gelehrt, aber gleichzeitig der Mensch zum Opfer seiner Umstände erklärt! Und ständig unsere Botschaften der Selbsterlösung: Nimm dich an, rette dich! Kein Wunder hat Herr Pfarrer ein einfaches Spiel.

d) wie würde ich argumentieren?Zunächst: Gott ist Liebe, aber er braucht die Schöpfung nicht, um Liebe zu sein. Noch vor aller zeit war Gott Liebe, „denn der Vater hat den Sohn lieb“ (Joh 5,20). Diese inner trinitarische Liebe in Gott sollte in Betrachtungen über Gottes Liebe nie vergessen werden. Dennoch liebt Gott auch seine gefallene Schöpfung ungemein! Und Sie ist wirklich gefallen. Unser Zustand liefert uns keine Grundlage für Optimismus! Der Fall und Bruch mit Gott ist echt. Man muss dafür nur das unerträgliche Leid sehen, was täglich unsere Erde befällt! Ein bisschen postmoderner Pazifismus ist hier sicherlich nicht die Lösung. Aber das Wunderwerk Christi am Kreuz, seine Fleischwerdung und Auferstehung, ja die sind es? Für alle? Nein, aber für alle, mit denen ER einen Bund geschlossen hat. Womit wir wieder bei Hebräer 9 wären: Der Bundesschluß Gottes mit SEINEM Volk ist nicht einfach nur durch Böcke oder Kälber Blut, sondern ein für alle Mal durch das kostbare Blut seines Sohnes besiegelt worden! (Vergleiche auch: Für wen ist Christus gestorben?

e) Was habe ich mitgenommen? Die liberale Theologie hat sich im Vergleich zu meiner Schulzeit kaum weiter entwickelt. Die selben Thesen der 7ten Klasse hörte ich nun auch in diesem Bibelkreis. Sie scheint also ein langsam dahinsiechendes Geschöpf zu sein. Entsprechend kam ja auch kaum einer zu diesem Bibelkreis! Jedoch wird Sie wohl noch einige von uns Evangelikale mitnehmen. Das Evangelium light, dass wir so oft verkündigen, („du bist ein feiner Mensch“, „Gott ist ein Backofen voller Liebe“, „Hauptsache deine Motive sitmmen“, „schmälere nicht Christi tat“) wurde auch vom Pfarrer verkündigt. Nur dass er vielleicht aufrichtiger war, als wir!

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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