Der Personenkult

Der Blog „Christen finden Ruhe„, hat vor einigen Tagen zu einer „Blogger-Parade“ aufgerufen. Gerne liefere ich meinen Beitrag dazu! Der Artikel versucht mein Ringen, den Christlichen Glauben zu verstehen, darzustellen. Kurz, ich glaube ich bin ein Fan von Jesus Christus, ich huldige einem Personenkult! Doch, immer der Reihe nach:

Das erste Mal, dass ich über den Begriff „Personenkult“ als Beschreibung des Christentums stolperte, war beim Lesen des Buches „Christianity, the first 3000 Years“ von Diarmaid MacCulloch. Er schreibt in der Einleitung, als er ein Gedicht von Samuel Crossman zitiert (eigene Übersetzung, Original unten):

Die Intimität der Zeilen von Crossman weißt auf den Grad hin, mit welchem das Christentum in seiner Wurzel ein Personenkult ist. Seine zentrale Botschaft ist die Geschichte einer Person, Jesus, den Christen für Christus halten (…), eine Seite Gottes, der war, ist und immer sein wird, und der doch gleichzeitig ein menschliches Wesen, in einer historischen Zeit ist. Christen glauben, dass sie Christus immer noch in einer Weise begegnen können, wie ihn die Jünger erlebten, als sie mit ihm in Galiläa wandelten und ihn am Kreuz sterben sahen. Sie sind überzeugt, dass diese Begegnung Leben verändert, was in zahlreichen Leben anderer Christen über alle Jahrhunderte hinweg offenbar wurde.“

Ich glaube hier trifft MacCulloch den Nagel auf den Kopf. Christen sind begeistert von Jesus. In der Tat, verkündigte das alte Testament bereits einen mächtigen Helden (Jes. 9,5 und Jer 20,11). Eigentlich einen Über-Helden, der alle Helden der jüdischen Geschichte, angefangen von Joseph bis König David übertrifft. Geradezu romantisch ruft deswegen der Psalmist aus: „Du bist der Schönste unter den Menschenkindern“ (Ps. 45,3)

Wenn also das Christentum ein Personenkult ist, finden wir auch eine angemessene Zusammenfassung des Alten Testaments: „Sehnsucht nach Jesus Christus“

Ich glaube, die exzessive Leidenschaft der Menschen „Fan“ von sei es nun Fußballmannschaften oder Boygroups zu sein, spiegelt diese Leidenschaft wieder. Nur, offensichtlich erwarten uns Schwierigkeiten, wenn unsere „Anhängungssucht“ die falsche Person trifft. Nirgendwo habe ich dies tragischer analysiert gefunden, wie in der Auseinandersetzung von niemand geringerem als Nikita S. Chruschtschow mit dem Stalinismus. Am 25.02.1956 hielt Chruschtschow eine Geheimrede vor allen Größen des Kommunismus mit dem Titel „Über den Personenkult und seine Folgen“ (hier geht’s zum Wiki-Artikel). Schonungslos analysiert er Schritt für Schritt, Stunde um Stunde (die ganze Rede ging wohl über 5 h.) das zerstörerische Verhalten Stalins. Dabei war er für viele Sowjets ein Gottes-Ersatz. Die Motive Chruschtschows werden nicht nur rein gewesen sein, dennoch enttarnt er die Hoffnungslosigkeit jeglichen Personenkults.

Er hat beinahe recht. Jedoch wusste er wenig, vielleicht auch nichts von der Person, bei der der Personenkult positive Folgen besitzt: Obwohl sie ihn nicht gesehen haben, lieben ihn überall auf der Welt seine Jünger und Nachfolger (1 Pet. 1,8). Was wollen sie lieber, als ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen! Natürlich denke ich jetzt an die Bewegung „not a fan“. Ich kenne die Thesen dieser Bewegung nicht, ich persönlich würde mich als einen Fan Jesu bezeichnen. Ich wage nicht mehr für mich zu beanspruchen, den weder spiegelt mein Leben wirklich viel nennenswerte Christus-Ähnlichkeit wieder noch glaube ich, dass das Christentum vor allem ein „Lebensstil“ ist. Ich bin begeistert von Jesu Leben, das ist einfach ein perfektes Leben, ob in Leiden oder im Triumph!

Ist man in eine Person vernarrt, will man keine Gelegenheit verpassen, diese zu loben. Somit gibt es hier eine sehr starke Bindung zum Loben und Preisen! Helden gehören einfach gelobt! Hier spüre ich die entfesselnde Wirkung einer Konfrontation mit dem Leben Jesu am Intensivsten. Hier fängt meine Kreativität an zu sprudeln. Ich bin so „obsessed“ mit Jesus Christus, dass ich anfange Gedichte zu schreiben, Texte zu veröffentlichen, Bekanntschaften zu knüpfen, Bücher zu lesen. Ich suche überall nach Gleichgesinnten. Ich möchte verstehen, wie vergangene Generationen Christus gelobt haben und warum Menschen auch heute noch für dieses Leben nahezu weltweit verfolgt werden. Meine Gehirnzellen sind bis aufs Äußerste gespannt, um zu verstehen, „welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe der Liebe Christi ist“ (Eph. 3,18-19). — Preacher, tell me about Jesus!

Das bringt mich geradezu automatisch zur Frage, ob dieses Loben Christi nicht wichtiger ist, als alle theologischen Unterschiede? Das erinnert mich wiederum an eine Anektode, die ich vor Jahren in einem russischen Buch las, welches ich leider nicht mehr finden kann, um eine Quelle anzugeben: Aber offensichtlich benannte sich vor langer Zeit eine ganze Völkergruppe als „Slaven“ (vom „Loben“), als „Slaven“, weil dieses Volk, das Volk sein wollte, welches Gott „richtig lobt“. Spannend oder? Nicht umsonst bedeutet „Orthodoxie“ ja auch eher „Rechtlöbigkeit“ als „Rechtgläubigkeit (Jeder der russisch kennt, kennt den Begriff Pravoslavnije). Ich finde das unfassbar genial, dass unsere Väter geradezu vor Urzeiten, diesen Punkt so wunderbar verstanden: Rechtgläubigkeit macht nur Sinn, wenn man Recht-Loben möchte, sprich Gott richtig dienen und ehren möchte!

Das wiederum dürfte erklären, warum ich so viel Sympathie für die Reformation und reformatorische Theologie besitze. Die Frage danach, wie man Gott richtig dient, die Calvin und die anderen Reformatoren umtrieb, beeindruckt mich. Wenn es darum ging, Gott richtig zu dienen, kannten diese Leute kaum Kompromisse. Spannend, aber wohl kaum ein Zufall, dass man nun eine ungewöhnlich intensive Christozentrik entwickelte. Zu verstehen, wie zentral Christus ist, ist wirklich eine Lebensaufgabe.

Das Verknüpfen biblischer Lehre mit der Person Jesu Christi hilft mir zunehmend, zentrale Lehren der Schrift zu verstehen. Ich möchte ein kleines Beispiel anbieten: Gehen wir der Frage nach, ob Gott die Zukunft „bloß“ kennt oder ob er diese „aktiv geplant“ hat. Denkt man an manches Detail, könnte die Entscheidung schwer fallen. Aber denken wir an die Inkarnation, das Leben, Sterben und Aufersten Christi! War dies nur vorher gewusst von Gott oder vorher-geplant? Das ganze Alte Testament bezeugt plötzlich in unerwarteter Klarheit einen wunderbaren Plan Gottes zum Heil!

Oder denken wir an die Dreieinigkeit! „Wer mich sieht, der sieht auch den Vater“ ( Joh 14,9), bezeugt uns Jesus Christus. Hier muss ich an eine Erzählung von Wilhelm Busch denken (Vielleicht kann mir jemand die Quelle dafür nennen?): Er beschreibt ein Gemälde Gottes, dessen Gesicht verborgen ist, weil er uns seinen Sohn entgegenstreckt. Man sieht also den Sohn und so auch den Vater. In Christus verstehen wir, dass das christliche Gottesbild alle alternativen Gottesbilder (ob nun des Heidentums oder des Islams) übertrumpft: Der Gott der Bibel ist sowohl allmächtig, wie auch persönlich. Wann wurde dies herrlicher offenbart, als in Jesus Christus? Ich glaube, dass lässt sich beliebig weiterführen. Meine obige Zusammenfassung des AT, könnte man einfach nicht „personenlos“ beschreiben im Sinne von „Sehnsucht nach Erlösung“, denn das AT ist voll von Hinweisen einer „persönlichen“ Erlösung.

Das hat auch mit mir zu tun. Was Christus an mir tat, bringt der Ps. 18 wunderbar zu Wort, ein kleiner Ausschnitt zum Abschluss dieses Artikels:

„Psalm 18, 17 Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich
und zog mich aus großen Wassern.
18 Er errettete mich von meinen starken Feinden,
von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren;
19 sie überwältigten mich zur Zeit meines Unglücks;
aber der HERR ward meine Zuversicht.
20 Er führte mich hinaus ins Weite,
er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.“


Originalzitat von D. MacCulloch: „The intimacy of Crossman’s lines hints at the degree to which Christianity is, at root, a personality cult. Its central message is the story of a person, Jesus, whom Christians believe is also the Christ (from a Greek word meaning ‚Anointed One‘): an aspect of the God who was, is and ever shall be, yet who is at the same time a human being, set in historic time. Christians believe that they can still meet this human being in a fashion comparable to the experience of the disciples who walked with him in Galilee and saw him die on the Cross. They are convinced that this meeting transforms lives, as has been evident in the experience of other Christians across the centuries. This book is their story.“

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

4 Kommentare zu „Der Personenkult“

  1. Hallo Paulisergej! Danke für diesen glaubensstärkenden Beitrag! Ja, als Christen sind wir nicht in erster Linie Anhänger einer Lebensphilosophie! Wir glauben auch nicht an irgendeine unpersönliche Kraft oder eine überwältigende Macht. Christus ist eine Person. Er zeichnet sich durch Liebe und Interesse an unseren Leben aus. Er ist gerecht und heilig. Wenn es auch Fragen gibt, über die wir keine restlose Klarheit besitzen, so wissen wir doch, dass der dreieinige Gott aktiv geplant hat, einen Weg zu unserer Erlösung aus unseren sündhaften Verirrungen zu schaffen.

    Auch den Gedanken, dass Rechtgläubigkeit rechtes Loben beinhalten sollte, finde ich sehr wertvoll!

    Gefällt 1 Person

      1. Danke fürs Mitmachen und das Folgen meines Blogs. Ja, es wäre schön, wenn noch mehr Leute mitmachen würden. Eine Bloggerin hat seither Interesse bekundet. Ich habe das Thema sehr weit und allgemein formuliert, so dass eigentlich alles was irgendwie positiv über den christlichen Glauben oder das Christentum gesagt wird, dazu passt.

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