Ist „Sola Fide“ dasselbe wie „Sola Gratia“?

2017 wurde in jeder freien Kirche Deutschland ein Thema zumindest angeschnitten! Die 500-Jahr Feier der lutherischen Reformation un die 4 Solis wurden zumindest in unserer Gemeinde in dieser Zeit regelmäßig angesprochen. Was mir bereits damals aufgefallen ist, dass sowohl Sola Gratia, wie Sola Fide irgendwie als identisch miteinander betrachtet wurden. Deutlich wird dies vor allem dann, wenn man versucht, auf die theologische Abgrenzung hinter diesen 4 Sätzen (Sola Gratia, Sola Fide, Solus Christus, Sola Scriptura) hinzuweisen, die die Reformatoren gegenüber der katholischen Kirche schufen. Allein die Schrift und nicht Schrift und Tradition; Allein Christus und nicht Christus und die Kirche/die Heiligen; Allein der Glaube und nicht Glaube und Werke! So weit, so gut! Doch was ist dann die Abgrenzung von Gnade? Auch Gnade und Werke? Dann wäre ja eine Wiederholung nicht nötig. Luther und Konsorten hätten es kaum nötig, den selben Punkt doppelt zu widerlegen. Warum dann beide Punkte? Was ist der Unterschied zwischen Sola Fide und Sola Gratia? Noch wichtiger ist jedoch die Frage: Glauben wir wirklich an Sola Gratia?

Ein Erklärungsversuch

Wenn wir um des Argumentes Willen, den Begriff der Güte anstelle der Gnade betrachten, erkennen wir vielleicht den Unterschied besser.. Im technischen Bereich verwenden wir den Begriff der Güte auch sehr häufig (z.B. Güte vom Stahl), nämlich um die Qualität eines Produkts zu qualifizieren. In der Tat beschreibt die Bibel an zahlreichen Stellen das Wesen und das „Herz“ Gottes (also seine Qualität), wenn es von Gottes Gnade/Güte/Barmherzigkeit redet. Vor allem die Psalmen reden häufig darüber! Unter den zahlreichen Stellen (darunter Ps. 5,13; 51,20; 56,8; 84,12; 89,3; 89,15; 89,25; 89,34; 89,50; 90,14; 92,14;100,5; 101,1; 103,4…) wähle ich zwei: „Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten (Ps. 103,11)“ und „Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang(Ps. 90,14).“

Sehr kurz zusammengefasst: Meine Errettung ruht nicht auf meiner Güte (im Sinne von Qualität), sondern einzig und allein auf der Güte (Qualität) Gottes. Wie es bereits in einem bekannten Kirchlied heißt: „Nichts habe ich zu bringen, alles Herr bist du!“

Was ist deine Hoffnung?

Nun ist das schnell niedergeschrieben! Ich frage mich jedoch sehr häufig, ob ich das wirklich glaube. Wie oft erwische ich mich dabei, dass ich Gott einen Anlass geben möchte, mich zu lieben. Beharrlich suche ich nach Gründen und Ursachen, nach einer Begründung für meine Errettung! Kann man aber auf Lohn hoffen, ohne aus der Gnade zu fallen (um es pointiert auszudrücken)? „Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern weil er ihm zusteht. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, aber an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit“. Nur der Gnade Gottes ausgeliefert zu sein, ist so furchtbar demütigend. Man kann und darf ja nichts vorweisen. Wie sollte Gott den Stolzen Gnade geben können? (Vgl. Spr. 3,34; 1. Pet. 5,5 und Jak. 4.6). „Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aufgrund von Werken; sonst wäre Gnade nicht Gnade.“ (Röm. 11,6) Welch Angriff auf unseren Stolz: Gott rettete uns, weil er es wollte. Das war schon mit dem Volk Israel seine Art: Das Volk konnte nichts vorbringen, um aus der Sklaverei gerettet zu werden. Nur in der Liebe Gottes lag der Grund führ ihre Erlösung (5. Mo. 7,7-8). Eigentlich kann man gar kein Christ sein, wenn man auf etwas Anderes als Gnade hofft. Denn Christus ist nur für die „hoffnungslosen Fälle“ da. Irgendwie macht es auch keinen Sinn, Christus als Retter zu bezeichnen, wenn man sich selbst rettet. Wie sollte das auch Sinn machen, etwa so: „Danke Gott, du hast meine Rechtschaffenheit gesehen und warst jetzt so fair, dass du zu mir gnädig warst“? Das wäre ein Weg ins Heil an Christus vorbei und somit ein klarer Widerspruch der Botschaft des NT, die die Gnade Gottes ständig mit der Offenbarung Gottes in Christus gleichgestellt wird. (Vgl. z.B. Tit. 2,11-12; Röm. 3,24; Joh 1,14.16; Apg. 13,34; Apg. 15.11; 2 Kor. 8,1…) Wahrlich, Gnade haben wir aus Christi Fülle genommen (Joh. 1,16). Mein Vater in Christus gebraucht sogar gerne den Ausdruck: Gnade ist eine Person!

Könnte es sogar sein, dass dieses Hängen an eigenen Werken und eigener Güte/Qualität, nur Ausdruck von Unglauben und Hochmut ist? Das wäre tragisch! Manchmal, kommt sie in sehr geschicktem Gewand daher! „Im Vergleich zu den ganzen Gottlosen Menschen um mich herum, habe ich mich schließlich bekehrt“.

Werden wir nun „aus der Gnade“ oder „durch den Glauben“ selig?

Selig sein ist für mich hier kein schwammiger religiöser Begriff, denn es ja nicht näher zu verstehen gilt, sondern ein Synonym für größtmögliche Freude und tiefstes Glück. Wie können du und ich derart glücklich werden, dass dieses Glück sogar bis in das nächste ewige Leben hinüberreicht?

Bekommen wir dieses Glück nun aus Gnade oder aus Glauben? Ja die Präposition „aus“ habe ich hier bewusst in beiden Fällen gewählt. Als ich obige Überlegungen mit Viktor von christusallein.com teilte, fiel uns der Zusammenhang auf, dass in den evangelikalen Kreisen, in denen wir uns bewegen, Mittel und Grund, Werkzeug und Ursache verwechselt werden. Tabellarisch dargestellt, ergibt sich dieser durchaus wichtige Unterschied zwischen der Theologie des Kreuzes und der Theologie der Herrlichkeit. (Diese Begriffe wurden gewählt, um das Nachdenken darüber nicht durch irgendwelche Schlagworte vorzubelasten).

MittelGrund
unser GlaubeGnade GottesTheologie des Kreuzes
Gnade Gottesunser GlaubeTheologie der Herrlichkeit

Im Lateinischen verschwinden die Präpositionen schnell aus dem Blickfeld, aber nur „aus Gnaden“ und „durch den Glauben“ wäre eine geeignete Übersetzung für „Sola Gratia“ und „Sola Fide“. Die Gnade ist also die Quelle und der Glaube der Strom. Tatsächlich macht Glaube auch nur sinn, wenn er einen Objekt, ein Zentrum des Glaubens besitzt. Durch den Glauben können wir die Gnade empfangen/aneignen, wie Berkhof feststellt (empfehlenswert ist das ganze Kapitel „Glaube“ in seiner Dogmatik):

The figure of coming to Christ pictures faith as an action in which man looks away from himself and his own merits, to be clothed with the righteousness of Jesus Christ; and that of receiving Christ stresses the fact that faith is an appropriating organ.

In der Tat spiegelt diese Unterscheidung auch die Biblische Lehre wieder. Durch den Glauben ist die Übliche Beschreibung: Die Gerechtigkeit muss durch den Glauben kommen (Röm. 4,16, Gal. 3,22, Gal. 3,24). Durch den Glauben wird der Mensch gerecht (Röm. 3,28) und Gottes Kind in Jesus Christus (Gal. 3,26). Durch den Glauben bekommen wir den Geist, die Verheißung und den Segen Abrahams (Gal. 3,14). Durch den Glauben werden wir schließlich auch bewahrt zur Seligkeit (1. Pet. 1,5). Nicht vergessen darf man schließlich die Glaubenshelden, die ihre Siege nur durch den Glauben erreichten (Heb. 11).

Wir als Menschen können hier also nur empfangen. Das Geben steht Gott zu! Entsprechend ausgesandt und gegeben wird der Segen und die „Seligkeit“ nur aus Gnaden. Die Gläubigen sind aus Gnade erwählt (Röm. 11,5) und aus Gnade errettet (Eph. 2.5 und natürlich Eph. 2,8). Ihre Gerechtigkeit kommt aus Gnaden (Röm. 4,16). Wer auf das Gesetz baut, ist zudem „aus der Gnade“ gefallen (Gal. 5,4). Michael Horton bringt diese Überlegungen sehr pointiert und herausfordernd zur Sprache: Ist der Glaube, dass was wir tun, um gerettet zu werden?

Und nun?

Konkurriert unser Glaube etwa mit der Gnade Gottes? Gut möglich! Ich hoffe mit diesem Artikel diese Punkte aufgezeigt zu haben:

  • Glaube ist kein Sender, sondern ein Empfänger. Er macht einfach keinen Sinn vom Glauben ohne „Glaubens-Objekt“ zu sprechen.
  • Die Quelle für unseren Glauben ist die Gnade Gottes. Nicht unser Glaube bringt die Gnade Gottes zum Sprudeln, sondern der Verdienst Christi.
  • Ein wichtiger Indikator: Dreht sich alles darum, ob dein Glaube groß und gut genug ist? –>Falsche Perspektive! Nimm Jesu Worte zu Herzen: Ein senfkorngroßer Glaube versetzt Berge! (Matth. 17,20; Luk. 17,6)
  • Was wie ein Detail-Aspekt der Heilslehre aussieht, macht deutlich welches Bild wir von Gott und von uns selbst besitzen.

P.S.: Unbeantwortet bleibt nach meinem Post immer noch die Frage, ob der evangelikale Fundamentalismus das reformatorische Prinzip der Sola Gratia teilt.

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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