Folgt Yeezus jetzt Jesus? – Eine Presseschau

Kanye West at the 2009 Tribeca Film Festival.jpg

By David Shankbone – Own work, CC BY 3.0, Link

Seit dem letzten Freitag schreiben die Feuilletons der deutschen Zeitungen wieder über „Jesus Christus“. Zu verdanken haben wir es diesmal Kanye West, der bereits mehr als 60 Mio. Schallplatten verkauft hat und als Partner von Kim Kardashian regelmäßig für Furore sorgt. Sei es, dass er sich als Trump-Sympathisant outet, eine Zukunft als Präsident der USA plant oder AIDS als von Menschen gemachte Krankheit bezeichnet. West wusste wohl schon länger, dass er diese Provokation nur mit einer Sache toppen kann: Mit der Bekehrung zum Christentum. Das empört dann wirklich alle und bringt Rechte wie Linke in Rage. Sein neuestes Album mit dem Titel „Jesus is King“ ist, so Wikipedia, „inhaltlich und ästhetisch vom Christentum“ geprägt. Es berichteten unter anderem sowohl der Spiegel, der Stern, die Süddeutsche und die Welt darüber. Interessanterweise nimmt Keines der genannten Blätter Wests Bekehrung ab. Irgendwie hat man sich am Christentum eh schon abgearbeitet und scheint damit nichts anfangen zu können. Aus der christlichen Perspektive diskutierte First Things Wests Bekehrung gleich zweimal (hier und hier), aber auch Jesus.ch berichtete. Für mich sind aber diese Ereignisse anregend fürs Denken. Was in meinen Gehirnzellen stattfindet, ist wie ein Glitzerfeuerwerk, dass als Sand in Form eines Delphinschwarms zu Boden fällt. Einige der Überlegungen im Sturzflug:

  • Den Kulturkampf hat die Seite der Christen verloren: Machen wir uns nichts vor, die deutsche Presse wird recht haben. West wird mit seinem christlichen Alben deutlich weniger Geld verdienen, als mit seinen bisherigen, mit denen er teilweise über 100 Wochen in den Charts blieb. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir den Kulturkampf auch verlieren wollten, weil es einfach gemütlicher ist, sich ein kleines privates Paradies aufzubauen. Das was West als christliche Musik bezeichnet, klingt für die meisten Ohren immer noch zu weltlich–> Sprich, wir wollen eigentlich gar keine christliche Kultur haben. Dann gibt es auch nichts zu gewinnen.
  • Verrückt, oder? Also teilweise gibt die Presse m.E. eine durchaus treffende Charakterstudie über West ab. Aber warte mal, wie ist das eigentlich ganz genau. OK, West ist schlecht (da Narzisst und Trump-Fan), das Christentum ist es ja laut euch doch auch. Passen die dann nicht ganz gut zusammen? Komisch, dass Spiegel und Co. West mit christlichen Moralvorstellungen vergleichen, die sie doch gerade einen Artikel vorher klipp und klar abgelehnt haben. Was denn nun? Wer ist hier eigentlich der wirkliche Narzisst?
  • Wests Bekehrung geht weiter als man denkt: Während den Aufnahmen der neuen Schallplatte sollten Wests Mitarbeiter auf außerehelichen Geschlechtsverkehr verzichten. Er besucht nun mit Partnerin und Kindern regelmäßig den Gottesdienst, der offensichtlich von einem von ihm angestellten Pastor gehalten wird. Für Kinder ist am Sonntag Instagram verboten. Offen spricht er über seinen Kampf mit der Sünde, z.B. über den Konsum von Internetpornographie. Schimpfwörter, ansonsten Standardrepertoire des Raps, bleiben übrigens auf der neuesten Schallplatte aus.
  • Ich erwarte keinen Instant-Heiligen: Ganz ehrlich, natürlich ist West ein Narzisst und Egozentriker ersten Grades. Und was die Presse da feststellt, ist wirklich offensichtlich: „Der sagt, er wäre Christ, dabei weiß er gar nicht, wie narzisstisch er ist“ Genau! Das ist doch das Problem. Kein Narzisst weiß das! Und kein Egoist ist um seinen Stolz wirklich bekümmert, wenn nicht etwas Übernatürliches in sein Leben eingreift. Wer weiß, vielleicht fängt in Leben von West dieser Wandel wirklich an. Wenn ja, dann wird es natürlich ein sehr sehr steiniger Pilgerweg für ihn. Aber ist er deswegen für ihn steiniger, weil er ein wohlhabender Rapper ist? Kommt uns der christliche Weg vielleicht deswegen so leicht vor, weil wir ihn selbst nicht gehen? Sehr kurz: Heiligung braucht Zeit. Wir wissen alle, wie lange Gott mit uns arbeiten muss, bis wir erste Früchte bringen. Wer weiß, welche Entwicklung das in Wests Fall noch nimmt. Vielleicht wäre das ein gutes Gebetsanliegen?
  • Kann man einem Celebrity seine Bekehrung wirklich abnehmen? Tatsächlich ist die Hinwendung zum Christentum unter amerikanischen Künstlern nicht vollständig ungewöhnlich. Berühmtestes Beispiel dürfte Bob Dylan sein. Stan Guthrie von The Gospel Coalition macht zwei Punkte deutlich: Erstens: Die Künstler sind oft von der literarischen Macht und Qualität der Bibel begeistert. Zweitens stellt er die Frage: Würde uns die Bekehrung eines Celebs mehr freuen als die unseres Nächsten? Ich glaube, dann haben wir in der Tat ein Problem.
  • Kann ich mir für Deutschland nicht vorstellen: Man stelle sich das mal vor, Bela B oder Sido würden ein Album mit christlichen Songs herausgeben und darüber schreiben, dass sie nun eine Freikirche besuchen. Ich fürchte, selbst hohe Vertreter der Kirchen hätten da keine Freude dran. Eine Entscheidung in die Nachfolge Christi ist einfach keine gesellschaftsfähige und ertragbare Option! Und Schwupps würde kein Feuilleton mehr über diese Künstler berichten. Ich denke tatsächlich, dass die USA und ein klein bisschen Großbritannien die letzten beiden Stätten der westlichen Welt sind, in der ein Bekenntnis zum Christentum für eine Person der Öffentlichkeit nicht die vollständige gesellschaftliche Zerstörung bedeutet. Schmach und Verachtung wohl, aber irgendwie darfst du dann noch ein Mensch bleiben. Man stelle sich das in Deutschland vor, dass jemand Berühmtes über seine Bekehrung zum Evangelikalismus berichten würde. In wenigen Stunden wäre er gesellschaftlich krasser abgeschrieben als Bernd – pardon- Björn Höcke.
  • Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken: Wie gesagt, der Kulturkampf ist verloren und wir haben uns damit abgefunden. Aber offensichtlich Gott nicht. Und als niemand es mehr erwartet hat, gebrauchte er einen ehebrecherischen, drogensüchtigen und fluchenden schwarzen Rapper-Millionär so, dass plötzlich die Presse über das Thema Bekehrung zum Christentum berichtet und sich Millionen von Jugendlichen weltweit mit Texten über Jesus Christus beschäftigen. Unglaublich!
  • Treffend gesagt. Egal wie echt Wests Bekehrung sein mag, ein Fan von Hip-Hop und Rap werde ich sicher nicht. Bei First Things fand ich aber diese treffenden Zitate aus Wests Songs:
“Said I’m finna do a gospel album / What have you been hearin’ from the Christians? / They’ll be the first one to judge me. (2019)   Ich sagte ich bin nun für ein Evangeliums-Album bereit / Was werdet ihr aber von den Christen hören? / Sie werden die ersten sein, mich zu richten  
„They say you can rap about anything except for Jesus/ That means guns, sex, lies, videotape/ But if I talk about God my record won’t get played, huh? “ (2004)Sie sagen, du kannst über alles rappen, außer Jesus / Das heißt, über Waven, Sex, Lügen und Filme / Doch wenn ich über Gott rede, wird meine Aufnahme keiner spielen, oder?  

Ich bin auf jeden Fall gespannt darauf, wie sich West und seine Familie weiter entwickeln werden.

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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