Warum ich Protestant bin

Ein Artikel von Carl R. Trueman:

Die Woche des 31. Oktobers, die Zeit an der man der Reformation gedenkt, ist für mich der jährliche Zeitpunkt, an dem ich gerne darüber nachdenke, warum ich Protestant bin.

Mit den Jahren fällt es mir immer leicht ein Protestant zu sein. Papst Franziskus ist hierfür schließlich ein Geschenk mit Dauerwirkung. Mit seinem offensichtlichen Wunsch, die römisch-katholische Kirche in eine standardisierte Form liberalen Protestantismus (jedoch mit etwas mehr Farbe) umzuwandeln, bleibt sein Programm für jeden uninteressant, der, mit den Worten Newmans1 in „Geschichte verankert ist (deep in history)“. Möglicherweise werden wir nie die Wahrheit über seine mutmaßliche Leugnung der Göttlichkeit Christi erfahren, doch schon die Tatsache, dass diese Geschichte plausibel war, bezeugt den Mangel an theologischem Verständnis, das sein Pontifikat von Anfang an geprägt hat.

Seit den glorreichen Tagen der Renaissance hatte die Katholische Kirche nicht mehr einen solchen Papst, der den rechtgläubigen Protestantismus so attraktiv machte.

Natürlich hat der Protestantismus seine eigenen Probleme. Die unzähligen Einrichtungen einer Anzahl an para-kirchlichen Institutionen geben genug Raum für den Einfluss unzähliger Mini-Päpste. Lehrmäßige Rechtgläubigkeit steht dabei natürlich ganz oben: Eine zu enge Sicht auf die Autorität der Schrift hat zur Vernachlässigung der katholischen Glaubensbekenntnisse geführt. Der klassische Theismus und Trinitarismus kämpfen selbst innerhalb bekennender Einrichtungen und Kirchen einen Rückzugskampf.

Ein mächtiger Biblizismus und eine ganze Kaste von Theologen, die in historischer Theologie ungebildet sind, lassen uns gegenüber einem weichen Sozinianismus anfällig sein. Dieser gedeiht auf dem Boden des schlampigen Denkens, das einen Großteil des zeitgenössischen Christentums ausmacht. Die wirtschaftliche Realität des Wettbewerbs auf einem schrumpfenden Markt bedeutet zudem, dass protestantische Einrichtungen – ob Hochschulen oder Gemeinden – ständig versucht sind, ihre geringfügigen denominationellen Unterschiede als den Kern des Glaubens zu vermarkten.

Doch bei allem Chaos gedeihen viele protestantische Gemeinden weiterhin in Ruhe und Bescheidenheit. Neben der Show-Bühne der“Big Eva²„-Jungs, führen unbekannte Pastoren und Versammlungen den Dienst der Gemeinde aus. In der von mir besuchten Versammlung predigt der Diener treu das Wort Gottes und verteilt die Sakramente. Die Ältesten und Diakone sorgen sich um die Seelen und materiellen Bedürfnisse der der Menschen. Die Gemeindemitglieder sind gastfreundlich, sorgen füreinander und nehmen Anteil aneinander.

Sie leben so die Grundwahrheiten der protestantischen Reformation aus: Durch das Wort ins Leben gerufen, verkündigt die Gemeinde das Wort und spiegelt der Welt Gottes Charakter wieder, in dem sie demütig Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Freundlichkeit ausübt. Natürlich auch Mut – Nicht einfach nur den Mut irgendwo eine online Petition über Homosexualität auszufüllen oder des Dogmatisierens in irgend einer Internet-Ecke, sondern durch die treue Verkündigung der Wahrheit in einer unangenehmen Umgebung. Hier zeigt sich das protestantische Christentum oft vom Feinsten.

Der Reformationstag birgt aber auch die Gefahr der Nostalgie. So wie römisch-katholische Integralisten sich Phantasien einer Wiederherstellung von mythischen mittelalterlichen Synthesen hingeben können, so können Protestanten versucht sein, zu denken, dass das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert ein Nirwana darstellt, zu dem wir zurückkehren sollten. Damit gibt es zwei Probleme. Erstens waren die heutigen protestantischen Probleme von Anfang an da: Eine egotistische Führung, Sozinianer im eigenen Lager und ein schwieriges und herausforderndes Verhältnis zur Geschichte. Solche Missstände sind offensichtlich.

Doch das zweite Problem der christlichen Nostalgie besteht darin, dass es zu oft in die falsche Ära sieht, um Führung für die Gegenwart zu finden. Die echte Analogie für heute wird nicht im Hochmittelalter oder im sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert gefunden. Die protestantische Reformation fand in einem kulturellen Rahmen des Christentums statt. Bei all den wichtigen Unterschieden zwischen Luther und Leo X oder Calvin und Trent, teilten Katholiken und Protestanten die gemeinsame Überzeugung, dass irgendeine Form des Christentums die dominierende Kultur tragen wird.

Doch das ist nicht unsere heutige Welt. In der Modernen Gesellschaft haben nur wenige für das Christentum, egal welchen Geschmacks, Zeit. Der grundlegende christliche Kontext unserer Vorväter der Reformation ist lange hin, wenn nicht sogar vollständig vergessen und ganz und gar abgelehnt. Wir müssen in einer anderen Zeit nach Hilfe suchen: Insbesondere im zweiten und dritten Jahrhundert.

Wie im zweiten Jahrhundert, hält man das Christentum heute nicht mehr nur für absurd, sondern für unmoralisch. Wir werden (vielleicht) nicht mehr des Kannibalismus und des Inzests beschuldigt, doch unsere Sexualethik und das Verständnis der Selbstbestimmung werden als voller Hass und Ignoranz bewertet. Möglicherweise zum ersten Mal seid den Verfolgungen von Decius, Valerian und Diokletian im dritten und vierten Jahrhundert, schließen sich bürgerliche Treue und gläubige Kirchenmitgliedschaft zunehmend gegenseitig aus.

Die Christen in der römischen Antiken mussten dem Imperator opfern, oder sie riskierten, gesellschaftlich abgeschrieben zu werden. Langsam fangen auch die westliche Christen an, diese Wahl zu spüren. Bekenne dich zur Homo-Ehe oder dein Geschäft wird boykottiert. Lass deine Kinder ihr eigenes Geschlecht wählen oder man nimmt sie dir weg. Möglicherweise sind wir noch nicht so weit, doch wir sind zu nah dran um im Zustand des Komforts und der Selbstzufriedenheit zu bleiben. Jeder der denkt, dass die Präsidentschafts Trumps in diesen Fragen etwas anderes ist, als eine kurze Periode der Entschleunigung, betrügt sich selbst.

Der Reformationstag ist für mich eine gute Zeit, um darüber nachzudenken, warum ich Protestant bin. Für einen Katholiken ist es eine Zeit, in der man jenen danken kann, die von den Aposteln an, den Glauben von Generation zu Generation treu weitergegeben haben. Doch es ist auch eine Zeit um zu verstehen, dass die Welt der Reformatoren dahin ist, dass wir in Zeiten leben, die, wenn auch nicht ausschließlich, nicht jene des sechzehnten Jahrhunderts sind.

Newman erklärte, dass man aufhört Protestant zu sein, wenn man in der Geschichte verankert(deep in history) ist. Doch das hängt von dem Stückchen Geschichte ab, in dem man intensiv ist. Passender für heute ist: Um in der Geschichte verankert zu sein, müssen wir verstehen, dass die Christen heute mehr brauchen als das Spätmittelalter oder die Reformation, die uns, in einer Welt, die uns mit wachsender Geschwindigkeit bedrängt, leitet und ermutigt.


Erklärende Fußnoten, die nicht Bestandteil des ursprünglichen Artikels sind:

1 Gemeint ist Kardinal John Henry Newman, der durch seine Konversion zum Katholizismus eine Art katholische Erweckung in Großbritannien der viktorianischen Ära verursachte. Dass er gerade jetzt (13.10.2019) heilig gesprochen wird, ist natürlich eine recht markante Botschaft der katholischen Kirche.

² Mit Big Eva meint Trueman „das Netzwerk großer evangelikaler Organsationen und Konferenzen, die bestrebt sind, das Denken und die Strategie amerikanischer evangelikaler Gemeinden zu beeinflussen.“ (mehr hier)


Bildergebnis für carl r trueman

Carl R. Trueman unterrichtete lange Zeit Kirchengeschichte am Westminster Theological Seminary und unterrichtet seit 2018 am Grove City College. Der hier veröffentlichte Artikel erschien zuerst am 2am 10.30.2019 auf firstthings unter dem TitelWhy I am a Protestant.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und firstthings.

Autor: paulisergej

Christ, Ehemann, Vater, Ingenieur und Literaturliebhaber

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