Flower Power?

Ein Artikel von Carl R. Trueman:

Vor kurzem machte ein Tweet des Union Theological Seminary in New York City deutlich, dass die Einrichtung, die früher Koryphäen von der Größe eines Reinhold Niebuhr und Paul Tillich hervorbrachte, nun zu einer innovativen Bußpraxis ermutigt: Das Sündenbekenntnis gegenüber Pflanzen. Um den Tweet zu zitieren: „Heute in der Kapelle beichteten wir zu Pflanzen. Zusammen hielten wir unseren Schmerz, Freude, Reue, Hoffnung Schuld und Leid im Gebet fest; und opferten dies an Wesen, die uns erhalten, deren Gaben wir jedoch viel zu selten ehren. Was bekennst du den Pflanzen in deinem Leben?“ (Hier geht’s zum Original Tweet)Leider berichtet das Seminar nichts darüber, wie die Pflanzen auf diese verspätete Beichte reagierten.

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Die wahrhaftige Buße eines lästigen Hofnarrs

Ein Artikel von Carl R. Trueman:

Fools Rush In Where Monkeys Fear to Tread: Taking Aim at Everyone (English Edition) von [Trueman, Carl R.]

Der typisch britische schwarze Humor im Sinne von „jesting, which is inconvenient“ bis zur Beschreibung protestantischer Literatur, die „beyond satire“ sei, lässt sich kaum übertragen. Geradezu grenzwertig ist das Empfinden der Single-Ladies mit „very deep“. Auch das Zitat von Wordsworth konnte ich nicht gut übersetzen. Wer also kann, sollte lieber dass Original lesen. Wer nicht kann, muss sich mit meiner Übersetzung begnügen. Übrigens: Dieser Essay ist auch Teil der wunderbaren Essay-Sammlung Truemans: Fools Rush In, Where Monkeys Fear to Tread.

Vor einigen Monaten kritisierte ein presbyterianisches Magazin eine meiner Antworten auf Kommentare über mich von einem bestimmten gut bekannten Autor bekannter Christlicher Schriften. Meine Antwort, so führte der Autor in frommer und üblicher Weise aus, war misslungen, denn sie enthielt „unangebrachte Scherze“ und behandelten eine „altehrwürdige Person“ unangemessen. Der Autor war überzeugt davon, dass Prosa, die gelegentlich Sinn für Humor zeigt, viel verwerflicher sei, als die Verleumdung der „altehrwürdigen Person“, auf die ich reagierte. Ja,Verleumdung wie in „absichtliche und böswillige Fehldarstellung des Handelns einer Person, um ihren öffentlichen Ruf zu schädigen“ – offensichtlich eine ziemlich triviale Anschuldigung, soweit es die Meinung meines presbyterianischen Keuschheitshüters betrifft. Schließlich war der Vorwurf der Verleumdung, wenn auch falsch, nur ein Verstoß gegen das neunte Gebot und somit nicht so ernst wie ein bisschen „unangebrachtes Scherzen“. Und wenn er auch berechtigt wäre, würde sich wohl niemand die Mühe eines kirchlichen Verhörs machen, sowie die Anklagen, Verteidigungen und ein faires kirchliches Verhör für den Angeklagten (um sich reinzuwaschen) und den ganzen sonstigen liberalen Quatsch durchführen. Welch Zeitverschwendung und Mühe das doch wäre. Was den harten Umgang der „altehrwürdigen Person“ angeht, muss ich mich wohl in der Tat entschuldigen: Ich kann lediglich darauf plädieren, dass mir zum Zeitpunkt des Schreibens nicht bewusst war, dass die Einhaltung des Neunten Gebotes oder des Anstands und die Reihenfolge eines ordentlichen Verfahrens unnötig sind, sobald man eine Busfahrkarte und ein Rentenbuch besitzt.

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Im Schweiße deines Angesichts!

Die heißen Tage der letzten Woche habe ich für einige Überlegungen genutzt:

Schwitzende Sünder

Zunächst ist mir aufgefallen, wie schnell man den überraschend kalten Mai 2019 vergessen hat. Fast bis Mitte Mai bestand in der Nacht Frostgefahr, keine 6 Wochen später prallende Hitze. In beiden Fällen maulten wir arme Sünder immer fort. Erst war das Wetter schlecht und dann blieb es so.

Das Ideal der Werbung

Ich glaube durchaus dass in diesem rum herum maulen ein Stückchen Wahrheit steckt: Die Gefallene Schöpfung wird nie ideal. Wenn der Vertrieb der Genusssucht uns die Palmen der Riviera zeigt, vergisst er den Hundekot am Strand. Sehen wir den neuesten Grill im Geschäft, übersehen wir den ekligen Rauch. Und um die neueste Terrassen-Möbel herum, finden sich in der Reklame keine Mücken. Ob wir deswegen auch empfindlicher und unzufriedener über das Wetter geworden sind?

Sunshine Live

Wie viel wird doch über die Hitze gejammert: Man verliere die Leistungsfähigkeit, sei müde, könne sich nicht konzentrieren, dass keine Klimaanlage im Büro sei, sei ein Unding usw… Doch kaum ist die Urlaubszeit da, fährt man in noch wärmere Gegenden. Ich habe regelmäßig nachgefragt, ob denn die Hitze, nur bei der Arbeit störe, was immer verneint wurde. Doch die Praxis zeigt, dass wir süchtig nach Sonne sind. Oder doch nur süchtig danach, mit den anderen mitzumachen?

Der schwitzende König der Natur?

Nur noch in Bilderbüchern finden sich die Tage, in der die Jahreszeiten den Menschen beherrschten. Fleisch und Fisch verfaulten rapide und musste kompliziert konserviert werden. Obst und Gemüse nur saisonal zu erwerben. Im Sommer drang die Hitze durchs Holz- oder Strohdach im Winter die Kälte durch die Einfach-Verglasung. Dieser Abhängigkeit trotzt die Menschheit nun souverän. Doch ist sie auch zufriedener geworden? Eher ist es so, dass wir Leidensfähigkeit verloren und das Gefühl der Abhängigkeit vergessen haben.

Die Eschatologie der Zwei Grad Celsius

Immer wieder finde ich es belustigend, dass die Menschheit nie ohne Endzeitkonzepte auskommt. Aktuell besonders im Trend: Steigt die Durchschnittstemperatur um mehr als 2°C, erwarten uns Katastrophen unberechenbaren Ausmaßes. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen wie wenig 2°C Unterschied prozentuell betrachtet sind: Da man Temperatur bei thermodynamischen Prozessen immer in Absolutwerten betrachten muss, entspricht die Angabe einer relativen Raumtemperatur von 14°C (Durchschnittstemperatur weltweit) einer absoluten Temperatur von 287,15°K. Ein Anstieg um 2°K entspricht hier gerade mal einer Änderung von 0,7%. Das Wohl oder Übel der Menschheit hängt davon ab, ob sich die Temperatur der Welt um weniger als 1% verändert. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Auf so einem dünnen Seidenfaden hängen wir. Dennoch haben wir die Frechheit uns gemütlich zurückzulehnen, in der irren Annahme, dass wir alle Determinanten um uns herum im Griff haben!

Ich weiß ,was du letzten Sommer Getan Hast!

Wohl wissen wir es, aber wir vergessen so schnell, wie es sich angefühlt hat. Ich war in den ersten warmen Tagen wirklich überrascht, dass ich vergessen habe, wie „heiß“, „heiß“ wirklich ist. Und soll ich was verraten, ich habe bereits wieder vergessen wie kalt sich der Winter angefühlt hat. Nicht umsonst lehrt uns der Prediger:

10 Sprich nicht: Wie kommt’s, dass die früheren Tage besser waren als diese? Denn du fragst das nicht in Weisheit.

Pred.7,10, die Bibel

SCHLIEßLICH : Umkehr

Ich glaube ich konnte oben an einem alltäglichen Beispiel zeigen, wie allzu menschlich wir Menschen sind:

  • Wir bilden uns ein dass wir die Situation im Griff haben, aber unsere Leistungsfähigkeit hängt extrem von einigen Grad Celsius ab.
  • Wir sind gefangen in Determinanten der Umgebung. Einige Prozent mehr oder weniger sind tödlich (nicht nur bei der Temperatur!). Wer hat wohl das System so fein abgestimmt?
  • Der Markt der Eitelkeiten verändert geschickt unsere Ziel, so dass wir gierig wollen, was wir eigentlich nie wollten.
  • Da das Produkt nicht die erwartete Zufriedenheit bringt, bleibt die Unzufriedenheit.

Ehrlich, eine ganz schön hoffnungslose Situation, oder? Der einzige Ausweg geht in Richtung des Kreuzes!

Eine neue gleichgültige Welle!

Pred 11,4: „Wer auf den Wind achtet, der sät nicht; und wer auf die Wolken sieht, der erntet nicht“

Beichte: Ich bin super egoistisch! Bei vielen Themen total gleichgültig und ich bin oftmals noch nicht einmal daran interessiert, wer so alles was darüber denkt, worüber ich was denke! Schräger Satz! Nun ja…

Zwei Steilvorlagen:

  • Auseinandersetzung mit Johannes Hartl! Ich muss ehrlich eingestehen, es ist mir völlig egal ob Hartl gegebenenfalls doch rechtgläubig sein könnte! Ohne Biblipedia würde ich noch nicht einmal wissen, dass es Hartl gibt. Und ich muss ehrlich sagen: Ich muss nicht alles verstehen, und alles widerlegen können. Und ich werde sicher nicht eine Unmenge an Zeit und Schweiß investieren um sich durch seine Promotionsarbeit zu kämpfen um dann doch besser beurteilen zu können, wie nah Hartl an Bibelkritik kommt. Ehrlich: ist mir egal! Ich werde es nicht machen. Ich habe weder die Zeit dafür, noch die Muße und übrigens, man stempele mich als Spälter und Hinterwäldler und von Vorgestern ab! Gern geschehen, hier die Steilvorlage: Der Katholizismus hat für mich einfach von vornherein keinerlei Anreiz? Hab ich damit gesagt, dass alle Katholiken schlechte (oder besser: keine) Christen sind? Weit gefehlt, es ist mir einfach egal. Mein Glaube ist im Einklang mit Schrift und den alten Bekenntnissen, und mir will dünken „orthodoxe“ Protestanten kommen den alten Bekenntnissen (Apostolicum, Nicänum etc..) deutlich näher kommt, als es die Katholiken kommen
  • Mir ist auch der ganze progressive Evangelikalismus wurst. Ehrlich so gleichgültig bin ich, dass mir völlig egal ist, was Hossatalk so neues raus gebraucht hat. Ich suche nichts neues, ich habe Christus gefunden! Es interessiert mich nicht, wie viel Rechtgläubigkeit bei Hossatalk vorhanden ist, und selbst wenn diese deutlich größer sein sollte als meine, sei es drum! Ich habe Christus!

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Hermeneutica fatale

Wie sieht eigentlich fundamentalistische Hermeneutik aus? Oftmals so:

Textwahl: Gab es eine Lohnerhöhung, so wähle man einen Text über Segen. Gab es einen Sündenfall, von dem jeder spricht, so wähle einen Text über die gottlose Zeit, den großen Abfall der Endzeit oder allternativ über die große Gnade Gottes. So vermeidet man ganz sicher, dass neue Gedanken und Impulse auf unwissende Schäffchen zukommen können.

Exegese: Die Story ist absolut pur auf dich zugeschnitten. In Fachkreisen wird diese Methode auch Narzigese genannt: der Held der Story ist man selbst, die Widerstände werden entsprechenden Problemen oder Problem-Menschen zugewiesen, die einen daran hindern das selige Nirvana, äh die himmlische Heimat zu erreichen. Umfangreiche Erklärung der Narzigese hier.

Appell an den Hörer: Hör auf mit XY (aber wie?)  und fange endlich an mit YZ (aber wie?), Versuche es noch etwas mehr, dich zu ändern! Wusste wohl schon auch Janis Joplin: Try, just a little bit harder. (P.S.: Mit dieser Anmerkung habe ich wohl zwischen erzkonservativen Evangelikalen und der 68er-Bewegung eine Verbindung hergestellt, man möge mir verzeihen)

Umgebungsbedingungen: Zeit unbedingt überziehen und sich regelmäßig wiederholen, wie schon Kurt Tucholsky feststellte (wieder ein Hauch von 68, war doch Tucholsky ein Kommunist):

 Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen.
Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören – das ist Deine Gelegenheit!
Missbrauche sie.

Stilmittel: die Predigt wird eine kleine Terz (unbedingt Moll-Tonart einnehmen!) gesprochen als sonst. Ansonsten kann wahre Andacht nicht herrschen. Ironie ist dabei entweder das einzig zulässige oder das völlig verbotene Stilmittel.


PS: Für die Ernsteren unter uns ein Wort zur Besänftigung: Eigentlich liebe ich die Möglichkeit, dass möglichst viele in der Gemeinde mit einem Wort teilnehmen können. Aber alle die diese Möglichkeiten kennen, wissen wie viel Schabernack wir da getrieben haben. Ich fasse mich da zuallererst an der Nase! So viele Predigten, wo nicht einmal der geringste Bezug zu Jesus fiel, müssen gebrandmarkt werden!

Kritik von Propheten

Man stelle sich eigentlich die Ungeheurlichkeiten vor, die die Propheten um sich warfen. Amos sprach davon, dass Gott Juda und Israel nicht schonen wird (Amos 2.4,6). Damit sagte er kurzerhand, dass all Unglück in Israel, sei es die Ausbeutung durch die Feinde, seien es Missernten ein Eingreifen Gottes ist. (Amos 3,6). Jeremija beklagte überall den Bundesbruch des Volkes (z.b. Jeremija 11) und selbst als man ihn ins Gefängnis steckte schrieb er seine Reden einfach auf. Nach dem Verbrennen derselben wurde die Kritik sogar noch länger. Aber ich glaube niemand trieb es toller als Hesekiel und Hosea. Hesekiel bezeichnete das Volk Gottes als Hure.  (Man stelle sich das einmal vor: das erwählte und erkaufte Volk Gottes wird mit einer Prostituierten verglichen, was für ein Sakrileg…) Dabei bedient er sich geradezu pornographischer Sprache (Hesekiel 16 ist ja wohl das Kapitel dass jeder Teenie verschmitzt in der Kirche liest…immerhin dieses Kapitel). Hosea treibt dieses Bild auf die Spitze (Achtung: Anachronismus), so dass er sich sogar selbst mit einer Hure vermählte, um die Situation des Volkes Gottes darstellen zu können.

Mögliche Reaktionen des Volkes:

  • Amos was fällt dir ein, wenn Israel so schlimm ist, dann bleib doch in Juda! Geh doch zurück in deine Heimat. Und überhaupt schau dir doch an was in Moab und Edom abgeht, da ist Israel das reine Paradies…
  • Jeremija du sagst, dass wir Gott untreu sind, dabei sind deine ständigen Depressionen und Jammerlieder auch nur ein Zeichen dessen, dass du an Gott irre wirst, offensichtlich bist du also kein Deut besser als wir… Das Gericht falle also auch über dich!
  • Hesekiel, so schlecht wie du es sagst, kann es gar nicht sein. Bestimmt hat Gott nur gute Absichten mit uns in Babel…Überhaupt ein Unding ein erwähltes Volk mit derart derben Begriffen zu belegen. Hesekiel, du bist bestimmt nicht orthodox