So treten sie auch auf!

jcryleJ.C. Ryle schreibt in Warnings to the Churches:

Viele Dinge kommen zueinander, die  das gegenwärtige Eindringen falscher Doktrin, besonder gefährlich machen:

1. Es gibt einen unbestreitbaren Eifer in einigen Lehrern des Irrtums – ihr „Ernst“ lässt viele Menschen denken, dass sie Recht haben müssen.

2. Es gibt ein großartiges Erscheinungsbild von Gelehrsamkeit und theologischem Wissen – viele denken, dass es sicher in Ordnung  sein müsse auf solche solche klugen und intellektuellen Männer zu hören

3. Heutzutage gibt es eine allgemeine Tendenz zu völlig freiem und unabhängigem Denken – viele möchten ihre Unabhängigkeit vom Urteil beweisen, indem sie an die neuesten Ideen glauben, die dabei nichts anderes als Neuheiten sind.

4. Es gibt den weit verbreiteten Wunsch, freundlich, liebevoll und aufgeschlossen zu erscheinen – viele scheinen halb schamlos zu sagen, dass jeder falsch liegen kann oder ein falscher Lehrer ist.

5. Es gibt immer einen Teil von Halbwahrheit, die von modernen falschen Lehrern gelehrt wird – sie verwenden immer biblische Wörter und Sätze, aber mit unbiblischer Bedeutung.

6. Es gibt ein öffentliches Verlangen nach einer sensationelleren und unterhaltsameren Anbetung – Menschen haben keine Geduld für das innere und unsichtbare Werk Gottes in den Herzen der Menschen.

7. Überall trifft man auf die oberflächliche Bereitschaft, jedem zu glauben, der klug, liebevoll und ernsthaft spricht, und vergisst dabei, dass Satan sich oft als Engel des Lichts ausgibt (2. Kor. 11,14).

8. Es gibt eine weit verbreitete Unwissenheit unter den bekennenden Christen – jedem Ketzer, der gut spricht, wird mit Sicherheit geglaubt, und jeder, der an ihm zweifelt, wird als engstirnig und lieblos bezeichnet.“


„Fragt man mich: Was ist der beste Schutz vor falscher Lehre? – antworte ich mit einem Wort: „Die Bibel: regelmäßig gelesen, regelmäßig darüber gebetet, regelmäßig studiert“ Wir müssen auf das alte Rezept unseres Meisters zurückgreifen: „Suchet in der Schrift“. (Johannes 5:39) Wenn wir eine Waffe wollen, die gegen die Mittel Satans eingesetzt werden kann, gibt es nichts Besseres als das Schwert des Geistes, das Wort Gottes“. Aber um es erfolgreich zu führen, müssen wir es regelmäßig, fleißig, verständig und im Gebet lesen. Das ist ein Punkt, an dem, wie ich fürchte, viele scheitern. In einer Zeit der Eile und des Trubels lesen nur wenige ihre Bibel so oft, wie sie sollten. Vielleicht werden mehr Bücher gelesen als je zuvor, aber weniger von dem einen Buch, das den Menschen zur Erlösung weise macht. Rom und die Neologie hätten in den letzten fünfzig Jahren in der Kirche nie solche Verwüstungen anrichten können, wenn es nicht eine höchst oberflächliche Kenntnis der Schriften im ganzen Land gegeben hätte. Eine bibellesende Laienschaft ist die Stärke einer Gemeinde.“

Gefunden bei monergism.

 

 

Katholisch ist Fremdsprache!

Von J. Hartl habe ich dieses Zitat entdeckt:

Am 31. Oktober 2017 vor 500 Jahren begann die Reformation. 500 Jahre Reformation, ein grosses Jubiläum! Grund zum Feiern!? Ja und Nein! Nein, denn können wir Christen eine Spaltung feiern, die objektiv eine “Sünde” ist? Jesus hat um Einheit und nicht um Spaltung gebetet: “Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: “Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaub, dass du mich gesandt hast” (Joh 17,20-21).

Ich weiß weder, wie Hartl sein Ja begründet, noch habe ich jemals mehr von ihm gelesen, denn das Zitat habe ich auf Himmelsgetrei.de gefunden, worin der Autor des Blogs hier Hartl aus seinem Buch, Katholisch als Fremdsprache zitiert.

Das Zitat packte mich doch, den Hartls Fazit ist: die Reformatoren haben gesündigt; Es kann gar nicht anders sein!

Gehen wir dieser These doch einmal nach und betrachten fünf notwendige Korrekturen ausführlich, die deutlich machen, dass Hartl seine Aussage dringend überdenken sollte!

Korrketur 1: Der Seelsorger Luther

Wie wurde Luther eigentlich auf den Ablassmissbrauch aufmerksam? Suchte er nach einer Gelegenheit für Spaltung? Nein, es war so, dass er sein Amt als Seelsorger wichtig nahm, und auf die Beschwerden vieler Beichtkinder reagierte. So schreibt der Luther-Biograph R. Friedenthal: „Dass das Verfahren (der Ablasshandel) eine marktschreierische Unternehmung gewesen ist, wird ebenso zuverlässig anzunehmen sein. Es ging Luther aber damals nicht so sehr um die einzelnen Worte. Der ganze Handel empörte ihn sehr viel mehr als das Drum und Dran, das auch keineswegs unüblich war.  (…) Aber diese mehr äußerlichen Dinge waren es nicht, die Luther bewegten. Er hatte sich mit dem Problem der Gnade gequält und nun trat die frage an ihn heran, ob dieses „Gnadenmittel“ der Zugang zum Heil sei oder vielleicht nur ein „gutes Werk“, das dem Menschen das beruhigende Gefühl verlieht, er habe sein Teil getan und mehr sei nicht nötig. Dass die Kirche zu viel Wert auf solche äußeren Mittel legte, hatte ihn schon seit langem beschäftigt (…) Den Ablaß selbst bestritt er noch keineswegs, ebenso wenig die Autorität des Papstes. Er glaubte nur, darin ein gläubig-gehorsamer Mönch,  dass gewisse Missstände sich breitgemacht hätten. (S. 159f.)

Fazit: Als Luther 1517 gegen den Ablass vorging, ging es ihm vor allem darum, dem Missbrauch von Gnadenmitteln gegenzusteurn. (Vgl. auch z.B. These 35.)

Frage an den Leser: Gab es denn gar nichts anstößiges am Katholizismus des Mittelalters? Also alles koscher mit dem Ablasshandel? Soll man über Sünde einfach um des Friedens Willen hinwegsehen? Weiterlesen „Katholisch ist Fremdsprache!“

Mein geehrter und innig geliebter Bruder…

Ein Freund hat mich auf diese Kommunikation zwischen Wesley und Whitefield aufmerksam gemacht:

„Und Ihr müßt zugeben, daß er das bereits einmal getan hatte, als er Euch ein eben solches Los gab, als Ihr nämlich in Deal wart. Am Morgen meiner Abfahrt von Deal nach Gibraltar legtet Ihr, von Georgia kommend, an. Anstatt daß Ihr mir eine Gelegenheit gabt, mit Euch zu konversieren, wiewohl das Schiff nicht weit vom Ufer vor Anker lag, zogt Ihr ein Los und fuhrt alsbald weiter nach London. Ihr ließt einen Brief zurück, worin Worte folgenden Inhalts waren: »Als ich sah, daß Gott mit dem gleichen Wind, der mich heimgetragen, Euch hinaustragen würde, fragte ich Gott um Seinen Rat. Seine Antwort findet Ihr hier beiliegend.« Es war ein Stück Papier, auf dem die Worte standen: »Er kehre nach London zurück.« Als ich das empfing, war ich einigermaßen überrascht. Da kommt ein guter Mann und sagt mir, er habe das Los geworfen; Gott wolle, daß ich nach London zurückkehre.Ich wußte andererseits, daß mein Ruf mich nach Georgia führte, und daß ich mich von London verabschiedet hatte und daß ich es nicht hätte rechtfertigen können, die Soldaten zu verlassen, die mir anvertraut waren. Ich wandte mich zusammen mit einem Freund im Gebet an Gott.“ (G. Whitefield in seinem Brief an J. Wesley)

J. Wesley warf ein Los, um zu erkennen ob er eine Predigt über die Freie Gnade predigen und drucken sollte. Das Los viel positiv aus und so handelte er auch. Auf diese Predigt nahm Whitefield in einem offenen und historisch gewordenen Brief Stellung. Wesley baute seine Predigt in 30 Punkten auf, während Whitefields Schreiben ebenfalls gut organisiert ist. Das Ermöglicht einige der diskutierten Thesen gegen überzustellen. Den vollständigen Textlaut beider Dokumente findet man im Anhang hier.  Ich empfehle beides vollständig zu lesen, da neben detailierten Thesen eine allgemeine Betrachtung über die Erwählung diskutiert wird. (z.B. wählte Wesley interessanterweise Römer 8 als Text für seine Predigt). Ich finde Whitefields Argumentation vor allem in diesen drei Bereichen stark:

  • Das Wissen um die Souveränität Gottes stärkt den „menschlichen Willen“
  • Es ist nicht die Angst vor der Hölle, sondern die Liebe zum Erlöser, die den Christen in die Heiligung treibt
  • Keiner wird ohne Schuld in der Hölle sein. Errettung ist nur aus Gottes Gnaden möglich.
  • Sehr schön auch die Argumentation, dass das Wissen um die Vorherbestimmung uns nicht beunruhigen sondern festigen sollte!

Insgesamt ein hochwertiges Stück Apologetik! Weiterlesen „Mein geehrter und innig geliebter Bruder…“

Wer überwindet!

Folgende Zeilen habe ich in „In den Spuren Jesu“ von Georg Steinberger gefunden (S. 221f):

Eine dreifache Bedeutung liegt wohl in dem: „Wer überwindet“,das wir am Schluß von jedem der sieben Sendschreiben finden:1. eine Mahnung, 2. eine Ermutigung, 3. eine Verheißung.

1. Eine Mahnung.Mit diesem „wer überwindet“ ist nicht nur gemeint eine Überwindung der Sünde und der Welt im allgemeinen Sinn. Es soll nicht den Gegensatz bezeichnen zu dem früheren Weltleben,denn es richtet sich ja an die Gemeinde des Herrn. Es richtet sich an einzelne in der Gemeinde und will sagen: Wer die Trägheit,Gleichgültigkeit, das Abweichen und Zurückbleiben in den Gemeinden überwindet, wer da, wo andre hängen- und stehengeblieben sind,durchbricht, wer trotz aller Veräußerlichung um sich her in den göttlichen Linien bleibt und dem göttlichen Ziel zueilt, wer nicht wie Orpa umkehrt, wenn sie von Bitterkeit und Entsagung hört, sondern wie Ruth durchbricht und ihr Leben wagt (Ruth 1,6-14). Der erste und engste Kreis, wo wir Überwinder werden sollen, ist nächst der Familie die Gemeinde, der wir angehören und die ja auch nur eine Familie ist im weitern Sinn des Wortes. In Frau und Frau gegen Mann, gab es die erste Niederlage, und hier ist auch der Platz, wo der Überwinder die erste Probe machen muß; hier sollen die Überwinder erzogen und gebildet werden. Manche verlassenden Familienkreis, weil der Übungen hier so viele sind und weil ihnen dieselben so alltäglich und wertlos erscheinen, und treten in den Missionskreis, um dort in den Linien der Überwinder zukämpfen; andre verlassen ihren Gemeindekreis und schließen sich einem andern an, in der Meinung, dort eher ein Überwinder werden zu können. Aber das ist nicht der Weg, auf dem man ein Überwinder wird. Der Herr hat die Treuen nicht aus der Gemeinde weggerufen,sondern sie ermahnt, da ein Überwinder zu werden, wo sie stehen.Erst wenn wir uns in dem engen Kreis der Familie, der Gemeinde ausgewiesen haben als Überwinder, kann uns der Herr in weitere Kreise führen. Mancher will ein „Zeuge“ sein, bevor er ein „Zeugnis“gewesen ist. Die Art und Weise aber, wie Gott Seine Zeugen bereitet,ist: erst ein Zeugnis, dann ein Zeuge.

Weiterlesen „Wer überwindet!“

Bereits jetzt, aber noch nicht!

Thomas Schreiner und Ardel Caneday  haben ein sehr wichtiges Werk verfasst, dass nun seit einiger Zeit auch im deutschsprachigen Raum erhältlich ist. Eine allgemeine Rezension wird noch auf nimm-lies erfolgen, an dieser Stelle möchte ich einen sehr hochwertigen Gedanken im Buch ausführlicher darstellen, das ist das Konzept des „Bereits Jetzt, aber noch nicht. Schreiner und Canaday kündigen ihre Absicht an:

„wir werden nachweisen, dass die Bibel das Heil mit vielen verschiedenen Metaphern so schildert: Es ist etwas, das schon jetzt wirklich unser Eigentum ist, weil wir als Erben einen Rechtsanspruch darauf haben, aber wir haben dieses Erbe noch nicht empfangen.“ (S. 45)

Die Beispiele, die die Autoren aufzählen, zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema: Weiterlesen „Bereits jetzt, aber noch nicht!“

Luther zur Übersetzung von Röm 3,28

Ein Vorwurf so alt wie die Reformation ist ja die Übersetzung Luthers von Röm 3,28: »Wir halten (dafür), daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.«  Das Wörtchen allein löste bereits zur Lebzeiten Luthers einen Sturm an Empörung aus! Wobei natürlich eine Übersetzung, die nur diesen einen Mangel hätte, ja durchaus als hervorragend zu gelten hätte, möchte ich hier auf eine Schrift Luthers aufmerksam machen:

Wenig bekannt zu sein scheint, dass Luther in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ selber auf diesen Einwand eingegangen ist. Ein umfangreiches Zitat hier (der Text ließt sich leicht, flüssig, man ist oft belustigt, aber er ist wohl auch nichts für katholische Ohren…). Ich konnte mich nicht entscheiden welcher Abschnitt am sinnvollsten ist, aber die Quintessenz findet sich wohl vor allem im von mir kursiv gesetzten Teil (für die Eiligen–> Aber ihr verpasst definitiv was, seid also gewarnt!):
„Dem ehrbaren und klugen N., meinem geneigten Herrn und Freunde. Gnade und Friede in Christus. Ehrbarer, kluger, lieber Herr und Freund! Ich habe Eure Zuschrift empfangen mit den zwei Fragen, darin Ihr meines Unterrichts begehrt: Erstens, warum ich (im Brief an die Römer) im dritten Kapitel (Vers 28) die Worte des Paulus: »Arbitramur hominem iustificari ex fide absque operibus« so verdeutscht habe: »Wir halten (dafür), daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.« Ihr weist dabei darauf hin, wie die Katholiken sich über die Maßen unnütz ereifern, weil im Text des Paulus nicht das Wort »sola« (allein) stehet und solcher Zusatz von mir in Gottes Wort nicht zu leiden sei usw. Zum zweiten, ob auch die verstorbenen Heiligen für uns bitten, weil wir (Hiob 33, 32 ff.) lesen, daß ja die Engel für uns bitten usw. Auf die erste Frage (wo es Euch gelüstet) mögt Ihr Euren Katholiken von mir aus so antworten:

Weiterlesen „Luther zur Übersetzung von Röm 3,28“

Luther über den Bann

mwm07633.jpgAuszüge aus den Tischreden Luthers zu einem brisanten Thema, das jahrhundertelang von der katholischen Kirche missbraucht wurde. Dennoch muss man rückblickend eingestehen, dass es Luther nicht gelang den Sakralismus einer Staatsreligion zu überwinden:

402. Bann soll man wieder aufrichten

Wir müssen den Bann wieder aufrichten, obwohl wirs bisher noch nicht mit Gewalt getrieben haben. Wenn wir einen Wucherer, Ehebrecher sehen, dem sagen wir: Hörst du, es ist das Geschrei, du seiest ein solcher oder solcher, darum gehe nicht zum Sakrament, enthalte dich der (Teilnahme als Pate an der) Taufe, führe keine Braut in die Kirche. In Summa: man verbiete ihm alles, was der Kirche ist, wie Paulus sagt: Er sei dir wie ein Heide (1. Tim. 5, 8). Aber ich fürchte für unseren Teil, unsere Pfarrer werden zu kühn sein und in die leiblichen Dinge nach dem Gute greifen wie der Papst, wenn er einen exkommuniziert. Und kehrt er sich nicht daran, sagt er: Ei, wir müssen ihm auch den Markt verbieten, daß er nichts kaufe oder verkaufe. Das ist der Teufel, wenn man zu weit greifen will!
Zum Bann gehören in geistlichen Sachen mutige Pfarrer. Wir haben ihrer viele, die Mut in leiblichen Dingen haben; aber das tuts nicht allein.
Da fragte einer: Ob ein Gebannter auch an den Predigten teilnehmen und sie hören könnte? Darauf antwortete der Doktor: Selbstverständlich! Das soll man ihnen nicht verbieten, denn in Predigten lernen sie, wo es ihnen fehlt!

403. Ursache, daß der Bann jetzt gefallen ist

Den Bann hindert jetzt zu unsern Zeiten nichts anderes, als daß niemand in diesem Stück tut, was einem Christen gebührt und zusteht. Du hast einen Nachbarn, dessen Leben und Wandel dir wohl bewußt und bekannt ist, deinem Pfarrer aber ist es entweder ganz unbewußt oder wenigstens nicht so wohl bewußt; denn wie kann er eines jeglichen Leben im einzelnen kennen, wie es ist?
Darum, wenn du siehst, daß dein Nachbar durch unrechte Hantierung oder Handel reich wird; siehst, daß er Unzucht oder Ehebrecherei treibt oder sein Gesinde unfleißig und nachlässig erzieht und regiert: so sollst du ihn ernstlich vermahnen und christlich verwarnen, daß er seiner Seligkeit wahrnehmen und Ärgernis meiden wollte. Und, oh wie ein gar heilig Werk hast du getan, wenn du ihn so gewinnst.
Aber, Lieber, wer tuts? Denn aufs erste ist die Wahrheit ein feindselig Ding; wer die Wahrheit sagt, dem wird man gram. Darum willst du lieber deines Nachbarn Freundschaft und Gunst behalten, besonders wenn er reich und gewaltig ist, als daß du ihn erzürnen und dir zum Feinde machen wolltest. Wenn der zweite, dritte, vierte Nachbar desgleichen auch so tut, so fällt mit der ersten Vermahnung auch die zweite und dritte in den Brunnen, wodurch der Nächste wieder auf den rechten Weg hätte gebracht werden können, wenn du nur mit Vermahnen tätest, was du schuldig und verpflichtet bist. Zum zweiten geschiehts auch deswegen, daß der Bann gefallen ist: denn weil wir schier alle dergleichen Laster unterworfen und damit beschmutzt sind, so fürchten wir, wenn wir das Stäublein aus des Nachbars Augen nehmen wollen, man möchte uns vorwerfen und sagen von dem Balken, der aus unsern Augen hervorragt.
Dies ist die rechte und vornehmste Ursache, daß der Bann schier allenthalben gefallen ist: deshalb, weil der rechten Christen allenthalben wenig und gar ein kleines Häuflein von geringer Anzahl ist. Denn so wir allzumal, wie es wohl recht und billig wäre, ja sein sollte, die rechte Gottseligkeit und Gottes Wort von Herzen lieb hätten, so würden wir des Herrn Christus Befehl größer und teurer achten als alle Güter dieses zeitlichen Lebens. Denn dies Gebot, den Bruder, der da sündigt, zu vermahnen und zu warnen, ist gleich so nötig wie das: Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen usw.; sintemal in dem, wenn du diese Vermahnung entweder aus Furcht oder um einer anderen Ursache willen unterläßt, nicht des Nächsten Leib und Gut, sondern seiner Seelen Seligkeit in Gefahr steht. Und so ein Pfarrer weiß, daß die Sünde öffentlich stadt- und landkundig ist, so ist er schuldig, daß er solche Leute zum Sakrament des wahren Leibs und Blutes Jesu Christi nicht zulasse, es sei denn, daß sie zuvor Buße tun, das ist aufhören zu sündigen und mit wahrhaftigem Bekenntnis und rechtschaffenen Früchten anzeigen und beweisen, daß sie der Sünden feind seien und sie verdammen; doch soll eine christliche und ernste Vermahnung vorhergehen.

404. Bann ist zweierlei

Der Bann wie auch die Kirche ist zweierlei. Einer ist weltlich oder äußerlich und sichtbar, welchen die Kirche wider die braucht, so in öffentlichen Sünden und Schanden liegen, nach Christi Befehl Matth. 18, 15 ff. Und diesen muß man vor allen Dingen in der Kirche behalten, denn es ist nicht ein einfach, gering Ding um den Bann, als der da stracks ausschließt und absondert vom Reich Christi, behält die Sünde ohne Hoffnung der Vergebung, es sei denn, daß man Buße tut. Darum will Christus, daß ein Sünder nicht allein von Privat- und einzelnen Personen, die in keinem öffentlichen Amte sind, einmal oder zweimal, sondern auch von denen, die im öffentlichen Predigtamt sind, zuvor vermahnt und verwarnt werde, ehe dies harte Urteil des Bannes gefällt, publiziert und eröffnet wird.
Jetzt sind ihrer viele, welche die Kirchendiener, Pfarrherrn und Prediger beschuldigen, als sei der Bann durch ihre Nachlässigkeit gefallen. Viele klagen über die Obrigkeit, als stellte sich die dagegen und wollte nicht gestatten, daß man des Bannes brauchen sollte. Aber der Spruch und Befehl Christi bezeugt klar, man soll den Sünder in Sonderheit und heimlich zuvor vermahnen und warnen, ehe die, so im öffentlichen Predigtamt sind, die Sentenz fällen. Gleichwohl soll solche Sentenz nicht eher öffentlich gefällt werden, es sei denn, daß der Kirchendiener zuvor eine ernste und christliche Vermahnung getan habe. Verachtet nun der Sünder die und fährt in Sünden fort, will nicht aufhören noch von den Sünden, ablassen, alsdann soll man ihn öffentlich in den Bann tun.

405. Heimlicher und unsichtbarer Bann

Gleich aber wie diese äußerliche und sichtbare Exkommunikation und Bann allein die angeht und wider die gebraucht werden soll, die in öffentlichen Sünden leben und derselben überwiesen und überführt werden: so ist noch ein anderer heimlicher und unsichtbarer Bann, der nicht der Menschen ist noch von Menschen geschieht, daß mans sehen könnte, sondern er ist Gottes selber und geschieht von ihm allein. Denn Gott richtet nicht allein nach den Werken, wie wir Menschen tun, sondern sieht das Herz an und richtet die Heuchler, welche die Kirche nicht richten noch strafen kann, nach dem allgemeinen Spruch: Die Kirche richtet nicht, was heimlich und verborgen ist.
Aber nicht alle sind mit öffentlichen Ärgernissen so grob beschmutzt, daß man sie irgendeiner Missetat und Untat öffentlich, wie recht, bezichtigen und beschuldigen könne. Denn obwohl viel Geizhälse, Hurer, Ehebrecher usw. sind, gehen sie doch so vorsichtig damit um, machen es so heimlich, daß mans nicht wohl auf sie bringen noch beweisen kann, wie sichs gebührt. Darum sind sie mit in der Kirche unter der christlichen Gemeinde, hören Predigt und Gottes Wort, brauchen auch mit den andern rechtschaffenen Christen der Sakramente und sind doch in der Tat von
[Martin Luther: Kirche und Gemeinde. Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 6512
(vgl. Luther-W Bd. 9, S. 168 ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]