Rechtfertigung = Glaube + Nichts

Übersetzung eines Artikels von Thomas Schreiner:

51mudo8ycvlEiner der fünf Schlachtrufe der Reformation war die Aussage, dass wir alleine aus Gnade gerettet werden – sola fide. Diese Worte erklären, dass die Errettung nicht vom Schauen auf die Werke unserer eigenen Gerechtigkeit kommt, sondern von Schauen von uns weg zu jemand anderem, auf die Person und das Werk Jesu Christi. Diese Feststellung erwuchs aus dem Wunsch zu den Schriften  und zu den Lehren der frühen Kirchenväter zurückzukehren, – ein Ruf die Kirche zu reformieren und biblische Rechtgläubigkeit herzustellen.

Fünf Jahrhunderte sind nun seit der Reformation vergangen und wir dürfen uns fragen: Hat heutzutage sola fide immer noch Relevanz? Ist die Vorstellung der Rechtfertigung durch den Glauben allein nur ein Relikt vergangener Zeiten, die die Nostalgie verflosserner Tage reflektiert? Ich glaube, dass der reformatorische Ruf des sola fide auch heute weiterhin gelehrt und bewahrt werden sollte, weil es biblische Lehre zusammenfasst- und Gottes Wort verliert niemals seine verändernde Kraft. Das Wort Gottes spricht in jeder Zeit und in allem Raum.

Während einige sich an sola fide einzig aus Tradition hängen mögen, sollten wir uns daran hängen, weil es im Einklang mit dem Wort Gottes ist. Die Rechtfertigung aus Glauben allein ist nicht das Produkt starrer und öder Rechtgläubigkeit. Es spricht zu den Köpfen und Herzen durch die ganze Geschichte hindurch, weil es eine der fundamentalen Fragen unseres menschlichen Zustandes angeht: Wie kann ein Mensch gerecht werden vor Gott? (How can a person be right with God?)

Die Worte von Francis Turretin (1623-1687) bezeugen die pastorale Bedeutung der Rechtfertigung allein durch den Glauben. Er sagt, wir verstehen „die Kontroverse“ um die Rechtfertigung, wenn wir unseren eigenen Stand als Individuen vor einem heiligen und gerechten Gott berücksichtigen:

Doch wenn wir uns zum himmlischen Tribunal erheben und vor unsere Augen den höchsten Richter sehen, (…) durch dessen Klarheit sich alle Sterne verdunkeln, durch dessen Stärke die Berge schmelzen, durch dessen Zorn die Erde erschüttert wird; dessen Gerechtigkeit nicht einmal die Engel gleichberechtigt sind, der den schuldigen nicht unschuldig macht, dessen Rache, wenn sie einmal entfacht wurde, selbst die tiefsten Tiefen der Hölle durchdringt… dann zerfällt in einem Augenblick die eitle Sicherheit des Menschen, sie verschwindet und zerfällt und das Gewissen ist gezwungen (…) zu bekennen, dass es nichts habe womit es vor Gott bestehen kann.  Und so schreit es mit David, „Herr wenn du Ungerechtigkeit anrechnest, wer kann bestehen? (…) Wenn das Verstand vollständig vom Bewusstsein der Sünde und einem Gefühl des Zornes Gottes erschreckt ist, was ist das dann für ein Ding, auf Grundlage dessen er freigesprochen und als eine gerechte Person anerkannt werden kann? (…) Ist es die Gerechtigkeit die in uns wohnt und die unvollkommene Heiligkeit, oder allein die Gerechtigkeit, und der Gehorsam Christi, der uns zugerechnet wird?

Weiterhin relevant

Wir dürfen nie vergessen, warum diese biblische Wahrheit heute wichtig ist. Während einige möglicherweise aufgrund theologischer Disputationen über Theologie reden möchten, ist der zentrale Punkt, wie Turretin ausarbeitet, persönlicher Art. Wir reden davon, wie man vor Gott am letzten Tag bestehen kann, am Tage des Gerichts und sola fide beantwortet die Frage: Wie können wir vor dem Einen Heiligen bestehen?

Andere wiederum können mit uns übereinstimmen, dass die Frage nach dem Bestehen am letzten Gericht eine entscheidende Frage ist und doch denken, dass die Rechtfertigung durch den Glauben allein aufgegeben werden sollte. Schließlich ist sola fide schnell missverstanden und so glauben sie, dass der Slogan abgeschafft werden sollte. Warum auf einen Slogan zurückgreifen, der qualifiziert und erklärt werden muss, um Missbrauch zu vermeiden?

Doch dieser Einwand lässt sich auf jede theologische Wahrheit anwenden. Wir verwefen den Begriff „Dreieinigkeit“ nicht deswegen, weil er regelmäßig missverstanden wird. Stattdessen muss das, was wir mit „Dreieinigkeit“ meinen sorgfältig erklärt werden. Wir müssen sorgfältig aufzeigen was der Term bedeutet und was nicht, damit jene, die uns zuhören, nicht denken, Christen seien Tritheisten. Trotz dieser Herausforderungen verwerfen wir den Begriff nicht deswegen, weil er gelegentlich missverstanden wird.

Nicht einfach nur beschützen

Manchmal wird reformierten Christen vorgeworfen, zu viel Energie auf die Bewahrung und den Schutz von Lehren und Traditionen einzusetzen, wie z.B. der Rechtfertigung durch den Glauben allein. Vielleicht sind wir manchmal schuldig die lehrmäßige Treue derart zu betonen, dass wir die Hochschätzung der Wahrheit, die wir bekennen, vernachlässigen.

Dennoch ist die Verteidigung des Glaubens ein nobles und biblisches Bestreben. Judas 3 fordert uns dazu in sehr klaren Worten auf, und sowohl der Galaterbrief wie 2. Timotheus betonen, dass wir das Evangelium hochhalten müssen, selbst wenn andere dasselbe verleugnen. Und doch müssen wir uns davor hüten, dass unsere „evangeliumsschützenden“ Anstrengungen uns nicht wichtiger werden, als das Genießen der lebensspendenden Freiheit und Freude, mit der uns das Evangelium versorgt. Wir beschützen die Wahrheit, weil wir sie schätzen, und wir schätzen die Wahrheit, weil sie unser Leben ist.

Wenn wir alleine und stille vor Gott sind erinnern wir uns unserer vieler Sünden und unserer großen Unwürdigkeit. In solchen Momenten spüren wir die Ehre und die Schönheit des sola fide; wir bekennen „Da ich denn nichts bringen kann schmieg ich an Dein Kreuz mich an“ (nothing in my hand I bring, simply to the cross I cling). Wir realisieren, dass wir nur aufgrund der Gnade Gottes mutig in die Gegenwart Gottes treten können, durch den Glauben in die Gerechtigkeit Christi allein. In der Tat ist sola fide belebend, weil es uns an die Gnade des Evangeliums erinnert und festhält, dass unsere Errettung- unser Bestehen und die Annahme vor Gott- vollständig von Gott kommt. Menschliche Werke können die göttliche Errettung nicht vollbringen. Somit schreibt sola fide alle Ehre Gott zu, so dass niemand sich Menschen rühmen könne (1. Kor. 1,31). Es erinnert uns daran, dass alles was wir haben ein Geschenk ist (1. Kor. 4,7).

Die fünf solas der Reformation sind eng zusammengebunden, doch wenn es um sola fide geht, gibt es eine besondere Verknüpfung mit sola gratia und solus Christus. Der Glaube schaut auf jemand anderen um Rettung, so dass die Rettung allein durch Gnade und allein in Christus ist.

Karten und nicht Matehmatik

Ein abschließendes Wort über die Verwendung von Slogans und Doktrinen. Anthony Lane stellt korrekt fest, dass Doktrinen Karten und Modelle und nicht mathematische Formeln seien. Deshalb müssen wir es vermeiden, uns auf vereinfachte Appelle an sola fide zu verlassen und ohne Gespräch oder Annahme jene zu verurteilen, die den Begriff ablehnen.

Stattdessen sollten wir uns fragen, was diejenigen, die sola fide ablehnen, beabsichtigen, wenn sie seine Eignung in Frage stellen. Vielleicht sprechen diejenigen, die es ablehnen und diejenigen, die es bestätigen, aneinander vorbei. Die Ängste derjenigen, die sola fide ablehnen, können berechtigte Einwände gegen Missverständnisse des Satzes darstellen.

Um mich klar auszudrücken, ich sage nicht, dass alle Unstimmigkeiten bloße Missverständnisse sind. Ich sage, wir sollten offen für den Dialog sein, damit wir nicht zu schnell davon ausgehen, dass wir anderer Meinung sind.

Slogans wie sola fide sind hilfreich, denn sie fassen kurz unsere Theologie zusammen, aber Slogans können auch gefährlich sein, denn wir können uns in einem Gespräch befinden, in dem wir unwissentlich mit verschiedenen Definitionen und Konzepten arbeiten. Bevor wir jemand anderen anklagen, sollten wir sicher sein, dass wir gehört haben, was er wirklich sagt.

Editors’ note:Dies ist ein angepasster Auszug aus Thomas Schreiners Buch: Faith Alone: The Doctrine of Justification (Zondervan, 2015) [review].Es ist der erste Band der The 5 Solas Series.


thomas-r-schreinerDieser Artikel erschien zuerst am 23.10.2017 auf The Gospel Coalition. Autor ist Thomas R. Schreiner. Er ist James Buchanan Harrioson Professor für Neues Testament und biblische Theologie, sowie Dekan für Bibelkunde und Hermeneutik am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky. Folge ihm auf Twitter.

thegospelcoalition

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und The Gospel Coalition.

Bei der Übersetzung einzelner Sätze wurde DeepL Translator verwendet.

Den Glauben kompromittieren

Einige Gedanken über Kompromisse im Glauben

Kompromisse im Glauben

a) Oftmals waren es kleine Anpassungen die man sich erlauben müsste, um eine deutliche Erleichterungen zu verspüren. So oft war es ein derart kleiner Kompromiss von geradezu banalen Dingen, die kaum jemand außerhalb auffallen würden, geschweige denn verdammen würde. Zugleich erschien der Lohn zu diesem Kompromiss unvergleichlich viel größer oder der Verlust als Folge davon, in einer solchen Kleinigkeit nicht nachgeben zu wollen, riesig. Blieb man treu im Glauben, blieb man auch einsam in einer Wüste (Aber Gott ist immer gnädig geblieben, und ließ einen dabei nicht allein)

b) Um nicht als gar allzu närrisch zu gelten (Um Christi willen wird man ja ein Narr), erlaubte ich mir häufiger mal einen solchen Kompromiss einzugehen. Doch der Lohn wollte einem nie recht schmecken. Ein belastetes Gewissen und eine zerstörte Beziehung zu Christus waren die Folge. Preist den Herrn, wir haben einen Anker durch Christus der bis ins Allerheiligste reicht (Heb. 6,19). Man war also bereit einen Kompromiss einzugehen, aber Christus lies es einem nicht gelingen und führte einen durch Buße zurück zu sich.

c) Manchmal verwehrte es Christus auch total, überhaupt einen Kompromiss einzugehen, obwohl man mehr als bereit dazu war. Und obwohl (offensichtlich) jeder im Umkreis diesen beging, wollte es einem persönlich nicht gelingen. Die Tür war zu. Auch hier kann ich Gott nur für seine Bewahrung danken.

d) Manchmal wusste/weiß man gar nicht, dass man einen groben Kompromiss duldet. Hier vergleiche ich dass mit einer Brille die man anhat, ohne es zu merken. Diese kann rosa oder grau sein, vergrößern oder verkleinern, die Schärfe nehmen oder nahezu vollständig blind machen. In geistlichen Fragen braucht es eines übernatürlichen Eingriffs (durch das Werk Christi und das Wirken des Heiligen Geistes), dass wir überhaupt erkennen können, dass wir eine solche Brille anhaben.

e) Neben diesen Punkten muss ich auch eingestehen, dass ich bewusst Kompromisse dulde. Man rechtfertigt sich oftmals selbst (Achtung pharisäische Selbstrechtfertigung) mit

  • einer ungewöhnlichen Situation
  • der (angeblichen) Geringfügigkeit des Kompromisses
  • der Ausrede: „Alle anderen täten es auch“

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