Der alternative breite Weg

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Es wird gerne davon geredet, dass manche den schmalen Weg unzulässig breit machen. Es fallen dann Stichworte wie: „Das Evangelium verwässern“ oder „liberale/ verweltlichte Gemeinde“. Auf der anderen Seite vom wahren Weg gebe es dann wiederum jene, die den schmalen Weg unnötigerweise zu schmal machen. Hier lauten die Stichworte: „gesetzlich“, „die halten sich für die einzig wahren“ etc…

Nun, die Bibel spricht durchaus von der Mäßigkeit (z.B. 2. Pet. 1,5), und wohl auch in der Möglichkeit zur linken und zur rechten Seite vom Pferd zu fallen (z.B. 2. Kor. 6,7), dennoch denke ich, dass es eine zu sanfte, ja zu verständnisvolle Beurteilung der Gesetzlichkeit. Das Gegenargument darauf, man wäre unnötig streng liegt doch auf der Hand: Lieber übertreibe ich ein bisschen, um doch sicher zum Ziel zu führen.

Paulus, in seiner Ansprache an die Galater kennt da wenig Verständnis. Ja er warnt sie davor, ein „falsches Evangelium“ anzunehmen (Gal. 1,6-7). Das ist doch mal ein hartes Urteil! Doch viel mehr, er sagt sogar, dass die Legalisten nur Angst haben auf den Schmalen Weg zu treten. Zu vielem wären sie bereit, nur um nicht um des Kreuzes Willen verfolgt zu werden.

Gesetzlichkeit hat also wenig mit dem schmalen Weg zu tun, und ist auch der breite Weg, nur in anderer Verkleidung!  Nebenbei gemerkt ist es auch viel zu kurzsichtig gedacht, dass Gesetzlichkeit nur das „konservative“ Lager treffe, vergleich hierzu auch den Vergleich zwischen dem Phari- und dem YOLO-Typ auf hanniel.ch. Ich habe lange um eine geeignete Darstellung des Problems gekämpft und komme auf eine Erzählung! Ich habe versucht, einen möglichst fiktiven Fall zu erfinden, den Verzicht auf Schuhe, doch auch das gab es bereits in der Kirchengeschichte. Doch wenigstens können wir uns dann auf die Seele streicheln, dass wir doch nicht so extrem sind. Ich habe die Geschichte durchaus überzeichnet, doch fürchte ich, dass wir die Lektionen nicht so erkennen, die ich gezielt gekennzeichnet habe:

„Es war einmal vor gar nicht so langer Zeit, in einer Freikirche, die das Evangelium kannte und mutig verkündigte. Doch von Jahr zu Jahr wurde man immer stolzer darauf, dass man besonders „bibeltreu“ sei. Man war froh, viele historische Fehler der Kirchengeschichte, wie die Kindertaufe oder die Irrungen der Reformation überwunden zu haben. Entsprechend hielt man auch wenig von Bekenntnissen, denn man glaubte an die Schrift allein. Eines Tages, als der Eifer für die Sache des Herrn immer mehr nachließ, entdeckte einer der Diakone der Gemeinde beim Bibellesen den regelmäßigen Aufruf zum Verzicht auf Schuhe.Natürlich, Mose musste die Schuhe ausziehen, als er heiliges Land betrat (2. Mo. 3,5). Ein Gebot, dass bei Josua wiederholt wurde (Jos. 5,15), als er dem Fürsten über das Heer Israels, einer Christologie im AT, entgegentrat. Kein Wunder rief auch Christus seine Jünger auf, im Dienst auf Schuhe zu verzichten (Luk. 10,14 Anmerkung: Der Diakon kam ganz schön ins Schwitzen, als er die Parallelstelle in Mk. 6,9 zum Vergleich heranzog, doch sein Urteil war bereits gefällt). Das die Gemeinde ein heiliger Ort ist (vielmehr natürlich im neuen Bund), daran kann gar kein Zweifel sein, dass Schuhe etwas profanes sind, ebenso: Man läuft auf dem schlimmsten Dreck und bringt in dann in das Haus Gottes!

Der Diakon war bekehrt, und bei der nächsten Brüderversammlung setzte er sich vehement darauf ein, dem Worte Gottes gehorsam zu sein. Es gab durchaus einigen Widerstand im Gemeinderat, doch wollte der Pastor, als Schwager des Diakons nicht unnötig Frieden in der Gemeinde haben und man einigte sich relativ zügig auf eine Kompromisslösung: Schuhlosigkeit für alle mit Verantwortung in der Gemeinde. (LEKTION 1: Gesetzlichkeit findet einen guten Nährboden in Vetternwirtschaft und Ansehen der Person)

Nun, zunächst gab es durchaus etwas Irritation, einige riefen etwas von: „Das galt nur im AT“, doch die Verweise auf die Reden Jesu waren schließlich überzeugend. So erkannte nun jeder an, dass eine gewisse Geistlichkeit auch eine Verantwortung gegenüber den Geschwistern bringt, denn die Brüder „werden sich dabei ja etwas gedacht haben“, und man „könne nicht unnötig streng werden, selbst wenn man nicht hunderprozentig wisse, ob es wirklich ein Gebot Christi sei, wolle man seine Ehrfurcht vor Gott ausdrücken“ (Lektion 2: Gesetzlichkeit führt geradezu automatisch zu einer Unterteilung in „Geistlichen Adel“ und „Geistlichen Pöbel“, oder modern: in „geistlich“ und „fleischlich“, in „Diener“ und „Normale, doch was sagte Petrus in 1. Pet. 2.9? die Kirchengeschichte lässt grüßen!)

Nun so ging es eigentlich geradezu unverändert weiter, nach einiger Zeit (es ging schneller als man dachte), gewöhnten sich eigentlich alle daran, auch die weniger regelmäßigen Besucher. Doch der Sauerteig wächst unsichtbar und doch schleichend.

Man muss dazu wissen, in dieser Gemeinde gab es relativ viele aktive Geschwister (Laienpredigt, Hauskreis, Kinderarbeit, Musikarbeit), und schon bald erkannte der Diakon, dass er seine drei Söhne irgendwie auch zum Dienst motivieren sollte. Doch diese gingen in geradezu kindlicher Unschuld immer noch in Schuhen in die Kirche. Dabei wurde aktuell ein neuer Musikleiter gesucht, eine perfekte Aufgabe für seinen Sohn. Wie konnte er das aber der Gemeinde deutlich machen, dass hier geistliche Gaben vergammelten? Nun, er war ja nicht von schlechten Eltern und hatte schnell eine Lösung: Er überzeugte seinen Sohn auch zu einem Barfüsser-Gottesdienstbesuch. Viele waren beeindruckt: So jung, und schon so eifrig! Mehrfach wurde er in der Predigt als Beispiel für Bibeltreu erwähnt.Und so wurde er, ehe man sich versehen konnte, zu einem würdigen Nachfolger in der Musikarbeit. Sein Beispiel reizte viele zur Nachfolge, und in wenigen Jahren war der Gottesdienstbesuch mit Schuhen geradezu profan. (Lektion 3: Gesetzlichkeit ist heuchlerisch)

Die Gemeinde erkannte in dem neu erwachten Eifer der Jugendlichen eine Erweckung. War es nicht das, wofür man schon seit Jahren gebetet hatte? Und so war man sehr stolz auf sich, ja im Vergleich zu den anderen über 50 Gemeinden im Gemeindeverband war man dem Wort Gottes gehorsam. Und hier blubberte der Sauerteig schon ordentlich vor sich hin: Drei Mal im Jahr gab es nämlich Verbandskonferenzen. Mehrere Tausend Christen kamen hier zusammen, zu Lobpreis und Gebet. Nun, unsere Mustergemeinde ging natürlich auch auf diese Veranstaltung ohne Schuhe hin. Zunächst belächelt, gab es aber schließlich einen Konzil, und obwohl ziemlich genau die Hälfte der 50 zusammengekommen Pastoren dieses Verhalten durchschaute und ablehnte, wollte man doch einen friedlichen Kompromiss finden und einigte sich schließlich auf vollständigen Schuhverzicht auf allen gemeinschaftlichen Konferenzen. Siehe da, bei der ersten, dieser geweihten Konferenzen verzeichnete man auch zwei Bekehrungen mehr als sonst, und sah dies als ein klares Zeichen dafür, dass Gott hinter diesen Maßnahmen steht (Lektion 4: Gesetzlichkeit wird blind für das Evangelium)

Doch natürlich blieb es auch nicht dabei stehen: Denn einige Gemeinden des Verbandes wollten das wohl für eine Konferenz vertragen, aber als Sitte anerkennen, fiel das doch zu schwer. Nun, was unternahm unsere liebe Kirchengemeinde? Man stellte fest, dass die Sache doch ernster war, als man dachte, ging es doch schließlich darum, dem Worte Gottes treu zu bleiben. Also nahm man diese Regel schriftlich in die Gemeinderichtlinien auf. Ja, es wurde gar eine Handreichung (der Diakon durfte kräftig mitwirken, übrigens war er nun auch Präsident der Diakonie des Gemeindeverbandes, was er als klaren Segen Gottes verbuchte) verfasst, die diese Sitte erläuterte. Zunächst wurde, wieder war es unser Diakon, der immer mehr als eifriger Prediger auffiel, ein Themen-gottesdienst gehalten, der die Barfüßigkeit zum Thema hatte: Zunächst wurde die Heiligkeit des Hauses Gottes in den schönsten Farben gezeichnet, dann die Profanität der Schuhe dargestellt und mit völliger Überzeugungskraft unsere Verantwortung, würdig vor den Herrn zu treten, geschildert. Schließlich aber auch die raue Zeit des Abfalls geschildert, in der so viele, die sich Christen nennen, nicht bereit sind diese klare Lehre der Schrift anzuerkennen. Nun, es war ja auch die letzte Zeit! Die Gemeinde war geradezu euphorisch! So wurde immer weniger das Evangelium gepredigt, und immer mehr, dieser Punkt, diese Sitte, dieses Gesetz von allen Seiten beleuchtet, man war froh, vielen anderen Christen überlegen zu sein. (Lektion 5: Gesetzlichkeit macht stolz, separatistisch und unzufrieden) Wie diese Entwicklung endete, muss nicht lange erläutert werden: Der Verband zerfiel in zwei Teile, unsere Gemeinde blieb im „bibeltreuen“ Teil. Doch wir verweilen bei unseren Treuen Schäffchen:

Bekanntlich geht der Krug solange zum Brunnen bis er bricht. Und so nahm diese Entwicklung ein ganz schmähliches Ende. Man muss wissen, dass natürlich Ananias und Saphira, aber auch der reiche Jüngling und der reiche Kornbauer aktive Mitglieder dieser Gemeinde waren. Eines Tages geschah es auch, dass der Reiche Mann und Lazarus sich hierhin zum Gottesdienst verirrten. Der reiche Mann gewann schnell die Herzen der Gemeinde. Ihm fiel es mit seinen wohlbehüteten Schuhen leicht, nach intensiver Pediküre und Balsamierung auf den kalten Fließen des Gemeindehauses zu wandeln.  Zweifel an seinem Glauben wurden durch eine großzügige Spende für ein geplantes Fußwaschbecken im Foyer schnell beseitigt. Doch was sollte Lazarus tun? Seine ganzen Füße waren voll von Wunden. Mit mehreren Lappen waren diese nur notdürftig umwickelt. Mit diesen war das Gehen gerade noch möglich, doch ohne Lappen, geradezu unmöglich. Auch wollte er seine Wunden nicht unnötigerweise, auch aus Scham entblößen. Doch sollte man darauf Rücksicht nehmen? War das nur nicht eine alte Ausrede, und zeugte sein ganzer Zustand nicht schon glasklar von einer geistlichen Oberflächlichkeit. Man wollte es partout nicht dulden, dass Lazarus seine Verbände wirklich brauchen sollte. Musste man wirklich diesen Unfrieden stiften? Alle anderen kriegen das doch schließlich auch hin! Und so musste man schweren Herzens Lazarus schließlich Hausverbot erteilen. Die Heiligkeit des Hauses Gottes durfte nicht einfach so profanisiert und geschändet werden. Ja es wurde in der Gebetsstunde sogar zum Gebet für Lazarus aufgerufen, dass er doch zur Erkenntnis der Wahrheit kommen möge. So stieß man den, der in dem Schoße Abrahams ruhen sollte, aus seinem Kreis.  (Lektion 6: Gesetzlichkeit macht lieblos) An dieser Stelle war die Gemeinde nur noch eine Haaresbreite davon entfernt, nicht mehr die Gemeinde des Herrn zu sein. Ob sie wohl noch zur Erkenntnis der Wahrheit kam?“

Die obige, allzu wahre Geschichte ist so natürlich schon zu oft passiert. Ich hoffe zeigen zu können, dass die Symptome des Legalismus und des Antinomismus sich sehr ähneln:

  • Verlust der Evangelistischen Botschaft
  • Verkündigung des Moralismus
  • Separatistische Hochmütigkeit, Gleichgültigkeit
  • Lieblosigkeit und zunehmend unweises Verhalten.

Da wir so viel von Schuhen geredet haben, ein Vers aus Amos 2,6 zum Schluß:

amos 26

 

Die Pharisäer sehen sich bestätigt

Die Pharisäer suchten verzweifelt nach einer Möglichkeit Jesus und seine Nachfolger zu diskreditieren. Jesus war einfach zu demütig um das zu sein, wass er zu sein beanspruchte: Nämlich die Erfüllung aller Verheißungen an Israel. Was dieser Freund der Zöllner, dieser arme ungebildete Zimmermann soll die Erfüllung der dicken Prophetien sein? Zähneknirschend musste man sich eingestehen, dass er die Schrift bis ins Detail kannte und auch noch besser dem Volk erklärte. Auch konnte man keine Anklage vorbringen. Aber halt, doch da waren Dinge: War diese Dienstbereitschaft selbst am Sabbat nicht zu viel des Guten? Es ist doch immerhin das heilige Gebot Mose, dass Jesus hier brach, so leichtferitg brach, so regelmäßig, ständig unterwegs und voll Gnade, voll Hilfsbreitschaft machte er die Mengen gesund und spottete so jahrhundertealten Traditionen

Als man genauer sah, erkannte man noch viele weitere Fehler, vor allem unter seinen Nachfolgern. Ein echter Messias hätte sich niemals einen solchen Haufen ausgesucht. Man stelle sich vor, sie fasteten nicht. Als wäre Israel nicht bedrückt durch die Römer, als wäre der Messias schon da. Man stelle sich auch vor, welch Graus und Schrecken, sie nahmen Mittags die Speise (und man wahr schon dankbar, dass sie nicht am Sabbat die Ähren pflückten…ach halt, das auch noch) mit ungewaschenen Händen zu sich. Voll Selbstzufriedenheit rieben sich die Pharisäer die Hände: Sie wussten sich bestätigt! Solche Menschen können nicht die Jünger des echten Messiases sein. Jeder gute Mensch wusste doch, dass man sich mit ungewaschenen Händen verunreinigt, und zwar klingt das immer so simpel, rein, unrein, aber schließlich ist der Leib eine Schöpfung Gottes (hätten sie das NT gekannt, würden sie sogar hinzufügen: der große und heilige Tempel Gottes) nach seinem Ebenbild. Und ist mann ungewaschen Brot, so steht man in Gefähr unreine Hände zu seinem Mund zu führen…Und die Möglichkeit unrein zu werden ist so vielfach, ein Kadaver hier, ein Heide dort…Und ist man erstmal unrein, ist keine Gemeinschaft mit Gott möglich. Man stelle sich vor, solche unreinen und gleichgültigen Menschen wollen dann noch in den Tempel die Gemeinschaft mit Gott suchen…Und dieser Mensch behauptet er wäre mehr als der Tempel, dann würde er diese Unreinen niemals in seiner Nähe dulden.

So standen die Pharisäer und wuchsen in ihrem Stolz. Jesu erscheinen bestätigte sie weiterhin in ihrem Weg. Und voller Selbstherrlichkeit und Selbstverliebheit gingen sie an der Gnade vorbei. Weiterlesen „Die Pharisäer sehen sich bestätigt“